Predigten

Die Bedeutung der Namen – Predigt zu Jes. 43,1 gehalten am 11.Juli 2021 in der Pauluskirche in Zehlendorf

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Jes.43,1

Lesung: Gen. 32,23-31

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde,

der heutige Sonntag steht unter dem Thema Taufe. So lautete der Wochenspruch: Fürchte dich nicht, denn ich habe ich dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wie oft haben wir diesen Spruch bei einer Taufe schon gehört. Beschreibt er doch sehr schön, wie wir uns den Sinn von Taufe denken, nämlich dass wir angstfrei mit dazugehören. Wir gehören mit zu dem, der spricht – nämlich Gott, dem Schöpfer der Welt und dem Gott Israels. Wir sind ein Teil vom Ganzen, ein Teil vom Göttlichen, was uns die Taufe sichtbar vor Augen führt und innerlich erleben lässt. Wir sind gerufen bei unserem Namen und damit sind wir bekannt.

Beim Nachdenken über diesen Vers wurde mir deutlich, dass diese Worte eigentlich aus einem ganz anderen Zusammenhang stammen. Der zweite Jesaja, von dem diese Worte sind, formulierte vor zirka 2500 Jahren eine Hoffnungsbotschaft für das Volk Israel, das sich in der Babylonischen Gefangenschaft befand. Erlösung war hier ganz praktisch verstanden als eine Erlösung aus der Unfreiheit in Babylon, bedeutete Hoffnung auf eine Zukunft im eigenen Land in Selbstbestimmung. Es bedeutet vor allem, dass Gott nicht besiegt war angesichts der Macht der babylonischen Götter. Adonai, wie die Juden Gott nennen, wird nichts zu viel sein, um sein Volk in die Zukunft zu führen. Und ein tiefer Grund dafür liegt darin, dass Adonai den Namen Jakob – Israels gerufen hat und damit seine Existenz bestätigte. Den Namen sagen bedeutet so viel wie ein Schöpfungsakt: Das, was ich benenne, dem geben ich eine Existenz, eine Berechtigung, eine Würde. Was genannt ist und einen Namen hat, kann nicht mehr vergehen. Laut ausgesprochen schwingt es in der Welt und verbindet sich mit allem.

Und so sind Namensgeschichten in der jüdischen Tradition von sehr eigener Bedeutung. Abram und Sarai ändern ihre Namen als sie einen Bund mit Gott schließen und werden zu Abraham und Sarah. Und dann die Geschichte von Jakob, die in dem einleitenden Teil anklingt. Wir haben die Geschichte vom Kampf am Jabbok als Lesung gehört. Jakob, der Zweitgeborene der Zwillingssöhne Isaaks wird durch eine schlaue Tat seiner Mutter, Rebekka, zum Betrüger. Er erschleicht sich das Erstgeburtsrecht und damit den Segen für die Zukunft. Die Zusage an Abraham, ein großes Volk zu werden, hat sich noch nicht erfüllt. Und wird Jakob sich durch eine List zum Erfüller des Plans machen können? In einem Traum bekommt er die Zusage, aber der reale Weg dorthin ist sehr bewegt. Die Bibel erzählt uns von menschlichen Verwirrungen, Versuchungen, Abgründen, aber auch von der Gegenwart des Göttlichen, die durch allem bleibt. Und so kommt Jakob am Jabbok an. Nach dem Ringen mit dem Fremden wird er nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel, „denn er hat mit Gott und den Menschen gekämpft und hat gewonnen.“ (Gen.32, 29) Und so begegnen uns in der hebräischen Bibel immer wieder Namen, die von besonderer Bedeutung sind. Immanuel – „Gott mit uns“; Samuel – „der von Gott erbetene“; Adam – „der von der Erde genommene“; Eva – „Mutter der Lebendigen“; Noah – „der Trostschaffende“; Maria – kommt von Miriam, der „Widerspenstigen, der Schenkenden“. Jeder Name ist wie eine Überschrift über eine Geschichte, eine Lebensgeschichte, die mit der Welt und mit dem Göttlichen in dieser Welt zu tun hat. Weil ein Name eben nicht „Schall und Rauch“ ist wie der Volksmund es behauptet, und Goethe es dem Faust sagen lässt.

Die Bibel gibt dem Namen eine tiefe Bedeutung, so dass sogar ein Gebot den Missbrauch des Namens Gottes verbietet. Da das Hebräische eine Konsonantenschrift ist, sind sich die Gelehrten nicht sicher, wie der Gottesname überhaupt ausgesprochen wird, darum sagt man immer, wenn die Buchstaben des Gottesnamens erscheinen, „Adonai“ – also „Herr“ oder einfach „Hashem“ – der „Name“. Was in den Geboten Gott zugeschrieben wird, ist ganz wichtig und muss unbedingt allumfassend auch für alle Menschen eingehalten werden. An dem Namen hängt nämlich die Geschichte und der Umgang mit dem Namen sagt etwas aus, wie würdevoll gehe ich mit der Geschichte und den Geschichten derer um, deren Name genannt wird. Der Name ist Repräsentant für die Lebendigkeit der Geschichte, die stattfand und durch das Erzählen immer wieder in die Gegenwart gerufen wird. Wenn der Name bleibt, dann bleibt auch die Geschichte des Menschen, die Geschichte des Göttlichen in diesem Menschen.

Liebe Gemeinde, all diese Aspekt über den Namen haben mich im Hinblick auf die Taufe sehr nachdenklich gemacht. Wie gehen wir eigentlich mit Namen um? Kennen wir die Bedeutung unseres eigenen Namens? Haben wir eine lebendige Beziehung zu ihm? Welche Geschichte erzählen wir zu unserem Namen? Was geschieht eigentlich mit unserem Namen, wenn wir gestorben sind? Im Judentum bleibt das Grab für immer erhalten. Mit Steinen wird der Ort markiert, damit er nicht verloren geht und damit auch nicht die Geschichte des Namens. In unserer Kultur werden die Gräber nach 20 Jahren geräumt und Grabsteine mit Namen liegen irgendwo herum. Oder wir beerdigen unsere Toten namenlos ohne Ort des Gedenkens. Ja, in unserer Kultur ist der Name bedeutungslos „Schall und Rauch“. Und so konnten und können auch schlimme Dinge geschehen unter dem Mantel der Namenlosigkeit. In den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten wurden die Menschen zu Nummern gemacht und ihnen ihre Geschichte und ihre Würde geraubt. In allgemeinen Formulierungen wie Schwarze, Juden, Polen, Schwule, Weiße, Deutsche, schaffen wir uns eine Namenlosigkeit, die es einfach macht, die Würde des anderen zu schmälern, ihm das Menschsein absprechen. Sobald wir die Namen der Ertrunkenen im Mittelmeer erfahren, haben sie eine Geschichte, haben sie ein Gesicht und Augen, in die wir schauen können. Und wenn wir in diese Schauen, dann sehen wir in die Seele, den göttlichen Grund eines jeden Menschen.

Liebe Gemeinde, „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ Bei der Taufe wird aktiv der Name des Menschen ausgesprochen, seine Geschichte wird damit benannt, die die war und die, die kommen wird. Mit unserem Namen stehen wir in der Gemeinschaft derer, die vor uns waren und derer die kommen werden als Menschen in der Beziehung zu Gott – zu „Hashem“ – dem einen Namen, allumfassend, unaussprechlich. Und damit sind wir mit in ein Menschwerdungs-Programm hineingenommen. Wir sind erlöst aus der Bedeutungslosigkeit und müssen somit nicht jeden Augenblick unsere Bedeutung betonen, hervorheben, auf Instagramm posten, in unzähligen Bildern festhalten, uns vor anderen aufspielen. Wer sich zu „Hashem“ gehörig fühlt, kann den anderen Menschen Mensch sein lassen und ihm in die Augen schauen, nach seiner Geschichte fragen, ein Teil seiner Geschichte werden. Dies ist der erste Schritt zu den großen Zielen, denen wir uns verpflichtet wissen – wie Frieden und Gerechtigkeit. Dies ist ein erster Schritt in eine Gemeinschaft, die eine Zukunft hat in der Würde der Namen und in der Würde jedes einzelnen Menschen mit seiner Geschichte.

Liebe Gemeinde: am Ende des Verses heißt es: „Du bist mein!“ Hören wir diese Worte nicht nur, sondern machen wir sie uns zu eigen. Leben wir als ein Teil dieses Göttlichen im Wissen, dass unsere Namen genannt sind und ermöglichen wir damit eine Welt in einem neuen Bewusstsein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unseren Herrn. Amen.