Predigten

Himmelreich – eine kostbare Perle

Predigt zu Matthäus 13,44-46

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde,

am heutigen 9.Sonntag der Trinitatiszeit werden wir eingeladen durch die Lesungen, über das Himmelreich etwas mehr nachzudenken. Vor ein paar Wochen sprach mich eine Freundin an, die meine letzte Predigt gelesen hatte und fragte mich, warum ich eigentlich diesen Begriff „Himmelreich“ verwenden würde. Dieser sei sehr altmodisch und schwer verständlich. So erklärte sie mir, dass sie eigentlich nie verstanden hätte, was Himmelreich meinen würde. Und ich merkte im Gespräch, dass wir wirklich unterschiedliche Dinge damit verbanden. Mit ihrer Frage hatte sie mir klar gemacht, dass wir es bei diesem Begriff wirklich mit einem anderen Weltbild und einer anderen Denkweise zu tun haben. Die Menschen der Bibel erklärten die Welt, wie sie sie sahen. Und daraus ergab sich, dass der Erdboden gerade wie eine Scheibe war und sich der Himmel wie eine Kuppel darüber wölbte. Damit waren die Bereiche auch deutlich aufgeteilt. Auf der Erde lebt der Mensch und der Himmel ist natürlich der Bereich für Gott. Der Mensch ist unten und Gott oben. Ganz selbstverständlich fügten sich alle Dinge in dieses Weltbild ein und die Geschichten der Bibel erklärten die Zusammenhänge mehr oder weniger. Wie verstörend muss es für die Menschen gewesen sein, als Jesus begann vom Himmelreich zu sprechen. Er knüpfte an die Gottesvorstellung des jüdischen Glaubensbekenntnisses an, in dem alles, was auf dieser Welt lebt und existiert, in Gott als ein Ganzes zusammenhängend verstanden wird. „Gott ist einer“ – heißt es da. Dazu kommen Vorstellungen von Gott als Geist, hebr. Ruach, oder als Einwohnung – Schechinah. Die Alten hatten das Göttliche schon immer eng mit der Welt verbunden verstanden. Und somit wird klar, dass Jesus gar nicht einen Bereich oberhalb des Himmelsgewölbes gemeint haben kann. Gottes Gegenwart ist hier in dieser Welt wirksam und spürbar. Und so konnte er lehren: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ Viele Menschen, die Jesus hörten, fühlten sich ausgeschlossen und nicht dazugehörig zu der Tempelgemeinde in Jerusalem und den Gemeinschaften in den Synagogen. Und er sagte, dass Gottes Gegenwart bei ihnen zu finden ist, in ihrer Gemeinschaft. Da waren wohl einige verwirrt.

Liebe Gemeinde, eine herausfordernde Idee ist es bis heute besonders angesichts einer Veränderung durch ein Virus, wie wir es noch nie erlebt haben. Ich möchte sie einladen, ihre Gedanken zum Himmelreich auf den Zettel, den sie am Eingang bekommen haben, zu schreiben. Anschließend sammele ich die Zettel ein und wir hören dann auf ihre Gedanken gemeinsam.

Gedanken der Gemeinde:       Himmelreich ist …

  • wenn Menschen aufeinander zugehen, sich versöhnen, Frieden stiften, den anderen sehen, Not lindern
  • ist ein Geschenk, wenn ich es in Anspruch nehme
  • die Erde voller Liebe
  • satt von Gerechtigkeit und Frieden
  • ist Gottes Wirken unter uns und unser Tun und Lassen untereinander; wir sind eine Menschheit unter Gottes Himmel
  • Zeugnis geben im Leben; Auferstehung; irdische Ziele weniger wichtig nehmen
  • friedliches, achtsames Miteinander, Gedankenfreiheit, Sehnsuchtsort
  • kann in uns entdeckt werden als ein Schatz
  • Gott spüren, erleben, dass er eingreift; unbändige Freude; gute Gemeinschaft mit Gott und den Menschen
  • endlich Friede
  • großes, wunderbares Gelände im Himmel, wo Jesus, Gott, Heiliger Geist wohnen, sowie die Gemeinschaft der „Heiligen“ und alle guten Menschen, die gestorben sind
  • ist der Boden, der trägt und ich darf Fehler machen und bin trotzdem akzeptiert
  • Gemeinschaft neu finden; ein neues Leben – wer weiß?
  • Verständnis und Liebe der Menschen untereinander
  • ist bedingungslose Liebe, die alles erträgt, alles verzeiht, aber auch die größte Freude beschert und Hoffnung in Ewigkeit

Liebe Gemeinde, neben ihren Gedanken zum Himmelreich möchte ich sie noch auf einen Aspekt aus unserem Evangelium aufmerksam machen. In den beiden kurzen Gleichnissen wird das Himmelreich mit einer kostbaren Perle verglichen. Und es wird von zwei Menschen erzählt, die alles aufgaben, um diese Perle zu besitzen. Welch ein Wagnis gingen sie ein, nur um an die Perle zu kommen. Gottes Gegenwart in dieser Welt ist wie eine kostbare Perle, für die es sich lohnt, alles aufzugeben.

Viele Menschen mussten in den vergangenen Monaten viel aufgeben durch die veränderte Situation. Wagnisse einzugehen ist für manchen nicht fremd. Doch möchte ich noch einmal aus christlicher Sicht nach solchen besonderen Zusammenhängen schauen, für die es sich lohnen könnte, einiges zu wagen. Aus christlicher Sicht wird gelehrt, dass Gottes Gegenwart uns in der Schöpfung begegnen kann. Durch den Stillstand der Gesellschaft haben wir die Chance gehabt, die Natur in einer neuen und intensiveren Art und Weise wahrzunehmen. Vogelstimmen waren hörbar, wo sonst Autolärm toste. Insekten kommen wieder vermehrt vor. Wir selber dürfen langsamer machen und können unsere Umwelt intensiver als vorher wahrnehmen. Und wenn wir uns klar machen, dass ein winziges Virus den Puls der Welt verlangsamen konnte, dann beginne ich, wieder mehr zu staunen über all das, was uns in Natur umgibt und von dem wir ein Teil sind. Welche unerklärlichen Zusammenhänge existieren hier und wie leichtfertig haben wir für Profit und Eigennutz alles aufs Spiel gesetzt und tun es immer noch. Das Göttlich in dem komplexen Sein der Natur zu entdecken, ist ein Wagnis, das es sich lohnt einzugehen. Nehmen wir die Aufgabe an, dieses Wunder zu schützen, alles daran zu geben, damit diese Spuren des Himmelreichs weiterhin in ihrer Vielfalt in der Natur sichtbar bleiben.

Liebe Gemeinde, ein weiterer Bereich ist die Menschwerdung Jesu. Durch Jesus durften wir verstehen, dass wir Menschen mit dem Göttlichen verbunden sind, egal welche äußeren Situationen bestehen. Diese göttliche Lebendigkeit, die uns verliehen ist, bleibt bestehen auch über den Tod hinaus. Tod und Auferstehung Jesu können uns das lehren. Sollten wir nicht alles tun, um eine Balance zwischen Körper, Seele und Geist zu finden, damit das Göttliche in uns seinen Fluss finden kann? Tuen wir alles, was möglich ist, damit unser Körper ein Gleichgewicht findet. Vieles kann dazu beitragen, wie förderliche Ernährung, Bewegung, die Achtsamkeit für den Augenblick, der Atem oder der Wechsel von Ruhe und Beschäftigung.

Bringen wir unserer Seele in das Gleichgewicht der inneren Freiheit. Lernen wir unsere Seele so frei wie möglich werden zu lassen im Zusammensein mit anderen Menschen, damit wir die Wahlfreiheit behalten und abwägen können zwischen verschiedenen Aspekten und unsere Seele in der Balance bleibt.

Und schauen wir, dass unser Geist im Gleichgewicht bleibt zwischen Untergangsszenarien und Hoffnungsvisionen. Dabei geht es nicht um positives Denken, sondern um die Schulung des Geistes in den Augenblicken des Lebens die tröstlichen Momente der göttlichen Gegenwart zu entdecken. Traditionell ist dieser Aspekt der Heilige Geist, der uns Trost bringt. Es ist sehr wichtig wie unser Geist das Erlebte betrachtet. Denn nur wenn wir die tragenden und bewahrenden Momente in unserem Erlebten entdecken können, wird der Verstand ins Gleichgewicht kommen und unser Verstand wird sich nicht an jedem Problem oder Ärgernis festbeißen und verhaken.

Liebe Gemeinde, das Himmelreich ist mitten unter uns. Gottes Gegenwart können wir spüren, wenn wir sensibel dafür sind und immer mehr werden. Überall können wir Spuren finden. In der Natur, bei uns selbst, im Zusammenleben mit anderen Menschen, in dem Hoffnungspotential, das wir ansammeln. Viele Momente können das sein, auf die unsere angemessene Antwort ein demütiges Staunen voller Dankbarkeit sein kann. Sicher fällt es nicht leicht, in einer Pandemie den Blick für die Gegenwart Gottes zu bewahren. Doch darum sind wir ja hier zusammen, um uns gegenseitig zu erinnern und auf diese Spuren hinzuweisen. In Gottes Gegenwart ist jede menschliche Realität geborgen, auch wenn wir die Zusammenhänge noch nicht verstehen können. Sie bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unseren Herrn. Amen.