Predigten

Judika – Treue zu Gott

Predigt vom Sonntag „Judika“, 21.März 2021, zu Hiob 19,19-27, gehalten in der Pauluskirche in Berlin-Zehlendorf

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde,

der heutige Sonntag „Judika“ hat seinen Namen nach dem ersten Wort des 43.Psalms in lateinischer Fassung: „Judica me Deus.“ – „Schaffe mir Recht, Gott.“ Der Beter dieses Psalms fühlte sich in einer hilflosen Situation. Ein trügerisches Volk ist da, das ihm nichts Gutes will. Der einzige Ausweg, die einzig mögliche Hilfe kann nur vom Göttlichen kommen. Aber auch hier spürt der Beter eine Abwendung: „Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich drängt?“ Vor ca. 3000 Jahren entstand dieser Text und der Beter hatte damals eine klare Vorstellung, wo Gott sein würde – nämlich über der Himmelskuppel in seinem Reich. Und unten auf der Erde lebte er und versuchte dem Gott da oben zu gefallen. Opfer und Gebete dienten dazu das Göttliche freundlich zu stimmen, damit das Leben in seinen Einzelheiten gelingt. Die Naturerscheinungen verstanden die Menschen als göttliche Reaktionen auf ein menschliches Fehlverhalten, Krankheiten als Strafe und Misserfolg als die Auswirkung eines Vergehens. Diese Art und Weise Zusammenhänge zu denken, sind sehr einfach und direkt. Sie lassen andere Möglichkeiten außen vor und sehen die Ursachen nur in der eigenen Person. Diese Denkweise ähnelte sehr den jüngeren Kindern, die sich selbst im Mittelpunkt sehen und noch nicht gelernt haben, von der eigenen Person zu abstrahieren. Ich tue etwas und darauf bekomme ich von der göttlichen Ebene eine Reaktion. Im Volksmund gibt Sprichwörter dafür. Z.B. „Kleine Sünden bestraft Gott sofort.“ Die Ergänzung kennen sie alle. Solche Denkarten über Gott aber auch über gelebte Sexualität gehören heute eigentlich in ein Denkmuseum und nicht mehr in den Denk- und Sprachgebrauch des 21.Jh.

Doch auch die Menschen der Bibel verstanden, dass diese Denkweise des Göttlichen nicht ausreicht. Es trat die Frage auf: Warum muss dann der, der sich an die Regeln hält, trotzdem Leid erfahren? Es ist die Frage des Hiob, die wir heute in der Lesung gehört haben. Mit dem Buch Hiob haben wir es mit einem Teil Literatur zu tun, das in der Zeit nach dem Babylonischen Exil geschrieben wurde, also ein Geschichtsabschnitt, in dem das Volk Israel als Gemeinschaft eine extreme Erfahrung von Leid und Verlust erlebt hatte. Das einfache Denken fand auf die Vielschichtigkeit des Lebens und seiner Zusammenhänge keine hilfreichen Antworten mehr. Und so konstruiert der Schreiber des Hiobbuches eine fiktive Situation vor dem Hofstaat Gottes im Himmel, in dem der Ankläger – der Satan – auftritt und mit Gott in den Disput geht, darüber, dass die Menschen nur an ihn glauben, wenn es ihnen gut geht. Und so erlaubt Gott, dass der Ankläger die Situation des Hiob verändern darf, um festzustellen, ob Hiob wirklich bei seinem Glauben und bei Gott bleibt. Hiob verliert nach und nach alles. Er sitzt in Sack und Asche und er hält im Gespräch mit den Freunden an der Gerechtigkeit Gottes fest. Er bleibt bei seiner Treue zu Gott, er bleibt bei seinem Glauben, egal was ihm geschieht. Aus dieser Phase der Erzählung stammt die Lesung, die wir heute hörten. 

Aber auch Hiob macht eine Entwicklung durch. Dieses Elend verwirrt ihn immer stärker, so dass er mehr und mehr Gott und seine Gerechtigkeit anfragt. Das Elend ist eine so massive Kraft, dass es die tiefsten Überzeugungen ins Wanken bringt. Körperlicher und seelischer Schmerz, Verlust eines geregelten Lebens, Verlust der Anerkennung von Freunden und Familie, der Verlust einer sinnhaften Aufgabe – all dies sind schwere Angriffe auf einen Menschen, die ihn binden, niederdrücken und an Gott und er Welt zweifeln lassen. Ja, wer kennt solche Zeiten nicht?! Wenn die Welt über einem zusammenschlägt und es keine Perspektive gibt. Vielleicht ist die momentane pandemische Lage eine solche Zeit, die für einige einen solchen Angriff auf die eigene Person und die eigene Integrität darstellt. Und so bleibt der Ruf ohne Antwort: „Ich habe alles richtig gemacht und warum muss ich dieses Leid erfahren?

Liebe Gemeinde, wenn sie die Geschichte von Hiob in der Bibel weiterlesen, formuliert der Schreiber ein Antwortbild Gottes. Gott geht durch die Natur, zeigt auf die vielen Zusammenhänge und fragt, wer sich denn darum kümmere? „Wo warst du, Hiob, als das alles entstand? Wo bist du, wenn dies alles entschieden und gestaltet sein will?“ Gott lädt Hiob zu einem Perspektivwechsel ein. Hiobs Blick wird auf die Größe der Welt und ihre Zusammenhänge gelenkt. Sein Leben ist ein Teil in dem Spiel der Abläufe des Ganzen. Hiobs Leben ist ein winziger Teil im Gesamtkonzept der Welt. Er selbst kann es nicht verstehen. Seine Reaktion ist ein Schweigen in Demut. Hiob versteht, dass seine Anklage gegen Gott, sein Infragestellen der Gerechtigkeit Gottes ein Aufbäumen des menschlichen Egos ist, dass sich gern gegen das Göttliche erhebt. Der Perspektivwechsel lässt Hiob in seinem Glauben erwachsen werden. Aus dem einfachen Vertrauen wird eine demütige Hingabe an Gott im Glauben. Und für Hiob erwächst eine neue Lebensperspektive, die wieder zu einem erfüllten und reichen Leben führt.

Der Schreiber des Hiobbuches bleibt jedoch in seinen Welt- und Gottesbildern – die Welt ist eine Scheibe und Gott wohnt oben im Himmel – so die Kurzfassung.

Liebe Gemeinde, wenn wir mit Jesus durch die Passionszeit gehen hin zu Karfreitag und Ostern, dann sind wir eingeladen, einen erneuten Perspektivwechsel zu wagen. Jesus lehrte seine Jünger als sie nach Gott fragten und in die Wolken oben am Himmel schauten: Das Reich Gottes ist mitten unter euch! Die Gegenwart Gottes ist in der Gemeinschaft untereinander erlebbar. Gott wohnt nicht über dem Himmelsgewölbe, sondern ist ein Teil unserer Gemeinschaft, ein Teil des Menschseins und somit ein Teil von uns. Die Trennung in eine göttliche und in eine menschliche Welt wird damit aufgehoben. Gott ist ganz mit den Menschen verbunden, wie der Leidensweg und der Tod Jesu sehr deutlich erzählen. Durch das Leid und den Tod hindurch bleibt Gottes Gegenwart erhalten und sie blitzt auf, wo Menschen am Weg Jesu klagen, wo sie eine Geste der Zuwendung zeigen wie Veronika, wo sie tragen helfen wie Simeon, wo Menschen bleiben und ertragen wie die Frauen am Kreuz. Wo Menschen mitten im Leid wie Menschen handeln, in die Augen des Nächsten schauen und den wahren Menschen in ihm erkennen, da hat Gott eine Chance, da hat Menschsein eine Chance. Der Perspektivwechsel von Ostern macht deutlich, dass wir in Gottes Gegenwart geborgen sind egal wie wir unseren Zustand beschreiben – als leidend oder freudig. Das Göttliche ist in allem. Und wenn wir Menschen menschlich handeln, entsteht der Freiraum, an dem das, was wir mit Gott verbinden, wirken kann: nämlich Liebe, Frieden, Gerechtigkeit. Somit ist Ostern eine Ermächtigung zum Mensch sein, damit das Göttliche göttlich sein kann. Bei all dem bleibt am Ende die Antwort des Hiobs – ein Schweigen vor der Größe dessen, der IST.

Liebe Gemeinde, in der Bibel begegnen uns viele verschiedene Vorstellungen von Gott, denn auch wir Menschen sind immer wieder anders. Manchmal fühle ich mich wie ein Kind verantwortlich für alles und sehe Zusammenhänge, die ich nur in dieser Perspektive erblicken kann. Ja, manchmal ist es so und dann schließe ich mich den Worten der Psalmen an. Ich klage mit ihnen und bleibe im tiefen Vertrauen auf Gott.

Und manchmal bin ich so gefangen in meinem eigenen Leid, dass ich Gott verklage, dass ich mich zum Maßstab aller Dinge erhebe und nicht verstehe, dass die Welt größer ist als mein eigenes Leid. Dann klage ich mit Hiob und komme am Ende zum Schweigen vor den Zusammenhängen, die ich nicht verstehe und die mir zu groß sind und bleibe im tiefen Vertrauen auf Gott.

Und manchmal kann ich meine Verantwortung erkennen und dem Menschsein Raum geben bei mir selbst, wenn ich denke, rede und handle. Ich kann es leben, wenn ich den anderen begegne und spüre die Regungen von Liebe und Frieden und kann erleben wie das Wunder der Gerechtigkeit wahr wird. Ja, ich kann das Unmögliche möglich machen und bleibe in tiefem Vertrauen auf Gott.

Das Leben in pandemischen Zeiten ist eine große Herausforderung für unser tägliches Leben, aber auch für unseren Glauben. Denn nicht immer können wir so kraftvoll und zuversichtlich sein, wie wir es gerne möchten. Manchmal ist es eher wie in einer Achterbahn in der es Rauf und Runter geht. Doch machen wir uns klar, dass jeder Augenblick ein Geschenk Gottes ist und damit eine Gabe an uns. Vertrauen wir darauf, dass diese Gegenwart uns hält und trägt und wir das, was wir erleben, vertrauensvoll annehmen können. Gott schenke uns seine Klarheit und Zuversicht dazu.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unseren Herrn. Amen.