Predigten

Predigt zur Eröffnung der Ökumenischen FriedensDekade 2020 in der Pauluskirche Zehlendorf am 8. November 2020

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde,

wenn wir heute über Frieden nachdenken, dann gehen uns viele verschiedenen Gedanken und Aspekte durch den Kopf. Ich denke als erstes an Amerika und an die Auseinandersetzung der Parteien und den Hass zwischen den Menschen wegen rassischer Unterschiede. Ich sehe in der Welt Krieg in Asien, in Afrika und in schwere Auseinandersetzungen in Lateinamerika und selbst an den Rändern Europas schweigen die Waffen nicht. An vielen Orten gibt es Anschläge, die Gewalt in das Alltagsleben der Menschen tragen. Überall sind die Menschen verunsichert und spüren das Bangen in ihrem Herzen. Und wenn wir hier in Deutschland an Frieden denken, dann spüren wir an vielen Ort noch die Wunden des letzten großen Krieges. Die Stadt hat Narben, die Menschen auch in ihren Seelen. Schmerzlich spüren wir, dass so vieles fehlt, was damals zerstört wurde, dass so viele Menschen fehlen, deren Beitrag wir nichtmehr wahrnehmen können.

Liebe Gemeinde, ich werde hilflos, wenn ich über Frieden nachdenke, denn es gibt so viele verschiedene Aspekte und Ebenen, die zu bedenken sind. Und so bin ich froh, dass wir gemeinsam hier vorn ihnen diese Fülle aufzeigen können. Wir hören Stimmen von Friedensboten, die in dieser Welt unterwegs sind:

„40 Jahre Friedensdekade – ein Jubiläum? Ich sehe mich als Jugendliche. Eine Sakristei – Treffpunkt der Jungen Gemeinde, mitten in einer ostdeutschen Stadt in den 1980iger Jahren. Einer von uns kam herein, zeigt auf seinen Ärmel: „Ich bin angehalten worden. Der Aufnäher – ich musste in dalassen. Er wurde abgeschnitten.“ Das Übliche folgte: Polizeikontrolle, Ausweis, Befragung … Uns wurde das kleine Zeichen der Friedensdekade „heilig“. Ein bisschen Aufständisch sein, recht zu behalten in der Seligpreisung. „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Zaghaft, und doch den Schießwettbewerb in der Schule ablehnen. So erlebte ich den Anfang.

15 Jahre später. Ich stehe vor den Vereinten Nationen in New York. Wie klein ist die Plastik des sowjetischen Künstlers Jewgeni Wutschetitsch und Micha 4,3: „Wir werden unsere Schwerter in Pflugscharen umschmieden“ von 1957 – auch heute noch Logo der Friedensdekade.” (Maria Krieg, Pfarrerin und Mitglied im Gesprächskreis ökumenische Friedensdekade)

Improvisation zu „Kehre um, kehre um …“

„Kriegsdienstverweigerung ist UMKEHR ZUM FRIEDEN. Es geht darum, der Logik der Gewalt und des Tötens, die Logik der Gewaltfreiheit und Versöhnung entgegen zu setzen. Darüber muss man reden, vor allem aber muss man tun, was als richtig erkannt wird. … Als deutliches Zeichen gegen Militarisierung und Krieg gilt es, gerade wenn das Recht des Stärkeren wieder für manche attraktiv geworden ist und Geld wie nie zuvor für Rüstung ausgegeben wird, das Bewusstsein wach zu halten: Es ist ein Grundrecht sich dem Töten zu verweigern.“ (Friedemann Müller, Studienleiter Hermannsburg)

„Niemand hat die Zielvorgabe für das 3.Jahrtausend besser in Worte gefasst als Menschen von der Deutschen Friedensgesellschaft: „Frieden schafften ohne Waffe!“ Diese vier Worte sind das Muss unseres neuen Jahrtausends, die zentrale Überlebensbotschaft für die Menschheit. Jede und jeder von uns muss ihre bzw. seinen Teil dazu beitragen, dass die Welt friedlicher und ökologischer wird. Was wir brauchen ist eine Welt ohne Waffen und Militär.“  (Jürgen Grässlin, Bundessprecher der DFG)

Improvisation zu „Kehre um, kehre um …“

„In den Zeitraum der diesjährigen Friedensdekade fällt der 9.November, der Tag an dem 1938 Jüd*innen ermordet wurden, an dem die Synagogen brannten und die Rollen der heiligen Schrift auf unseren Straßen zertreten wurden. Dieser Tag erinnert uns daran, dass wir als Christ*innen gerade nicht vor Verführungen gefeit sind – im Gegenteil. Wir sind immer auch ein Teil des Problems, nicht nur der Lösung. Die Erinnerung an den 9.11., muß zunächst zweckfrei sein, denn es geht darum, den Ermordeten eine Stimme zu geben. Doch ruft dieses Erinnern dann aber auch zur Tat. Denn es zwingt uns zu der Frage, welche Handlungsoptionen bestanden hätten, um das System Nationalsozialismus zu beenden und führt von daher dann auch folgerichtig in die herausfordernde Gegenwart.

Wir wissen, wo wir geschwiegen haben, wir wissen, wo wir den Anfängen nicht gewehrt haben und Ausgrenzungen hingenommen und vorangetrieben haben und wo wir heute schweigen. Wir wissen, dass wir das Ruder heute herumreißen können. Aber das müssen wir jetzt um Gottes Willen auch tun – denn es steht viel auf dem Spiel!“ (Dagmar Pruin, Aktion Sühnezeichen)

Improvisation zu „Kehre um, kehre um …“

„Als denkende Menschen wissen wir natürlich, dass der Klimawandel ein Ergebnis unseres Lebenswandels ist. Die Menschen sind aufgerufen sich und die Welt zu verwandeln und das bedauerliche Ergebnis ist, dass wir die Welt zerstören. Bei diesem düsteren Szenario der Klimakatastrophe ist Pessimismus allerdings nicht angesagt: Immerhin hat die Schöpfung auch einen Schöpfergott, der sich ihrer und unserer annimmt. Mit ihm müssen wir wieder mehr zusammenarbeiten. Im Studium lernte ich über Synergieeffekte, wenn es darum geht, die vorhandenen Kräfte zu nutzen und zu bündeln. Natürlich gilt das für den Umweltschutz. Aber, Synergie gilt eben auch für unsere Beziehung zu Gott. Ganz einfach gesagt: ich mache mit, denn Gott macht mit.“ (Marina Kiroudi, orthodoxe Referentin der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland)

Improvisation zu „Kehre um, kehre um …“

„Laut Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen waren Ende 2018 70,8 Millionen Menschen auf der Flucht. Das Land, aus dem die meisten Menschen fliehen mussten, ist Syrien mit 6,7 Millionen Menschen. In Kolumbien gab es 7,8 Millionen sogenannter Binnenflüchtlinge. Auf Grund gewaltsamer Konflikte, mussten die meisten Menschen aus sieben von zehn afrikanischen Ländern fliehen. Mit 3,7 Millionen wurden weltweit die meisten Menschen, die auf der Flucht waren, in der Türkei aufgenommen. 85 Prozent der Geflüchteten leben jedoch in Entwicklungsländern.

Die unvorstellbaren Zahlen drücken nicht das aus, was es für die einzelnen Menschen an Leid und Perspektivlosigkeit bedeutet. Die Wirtschaftskraft der Industrieländer wäre in der Lage, allen diesen Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen.

Die Europäische Union „reagiert“ auf die besondere Not der Menschen in Syrien, die unmenschliche Lebenssituation der Geflüchteten in Libyen und in dem Flüchtlingslager auf der Insel Lesbos, indem sie im März 2020 700 Millionen Euro für die Sicherung ihrer Außengrenzen zur Verfügung stellte. Auf das Leid der Menschen wird mit Abschottung reagiert. “Umkehr zum Frieden“ ist nur möglich, wenn wir trotz aller Widrigkeiten nicht an den Menschen in Not vorbeigehen und Verantwortung übernehmen.“ (UNHCR und Priester Hzkiel, Eritreische Gemeinde Berlin)

Improvisation zu „Kehre um, kehre um …“

„Der Bruch internationalen Rechts zeigt exemplarisch die Herausforderungen, vor denen Friedenspolitik heute steht. Die jüngsten Verstöße reichen von der Invasion des NATO-Mitglieds Türkei in Nordsyrien, über die gezielte Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani durch einen Luftangriff der USA im Irak, bis zur Zurückweisung von Geflüchteten an den EU-Außengrenzen. Der Ausschluss Russlands aus der G8-Vereinigung der großen Industrienationen aufgrund der Annexion der Krim zeigt die Möglichkeiten aber auch die Folgewirkungen von Sanktionen gegen Völkerrechtsbruch. Viele Palästinenser*innen dagegen resignieren angesichts der anhaltenden Besatzung, weil wichtige UN-Resolutionen ihre Forderungen unterstützen, in ihrem Alltag aber keine Anwendung finden. … Immer wieder aufs Neue müssen wir dafür kämpfen, dass internationales Recht in lokales Recht umgesetzt wird. Dafür lohnt es sich zu streiten. Auch während der Friedensdekade.“ (Stefanie Wahl, Bundesvorsitzende von pax christi)

„Es gilt, der EU, den Mitgliedsstaaten und den Europäer*innen wieder die einenden Gründungswerte und Grundlage ihrer Stärke und auch ihrer Sicherheit in Erinnerung zu rufen: Einsatz für Versöhnung, Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Wahrung der Menschen- inkl. Der Minderheitsrechte. Und es gilt lautstark zu bezeugen und aktiv umzusetzen, dass wir in uns aufgrund unseres christlichen Glaubens für ein humanes und soziales Europa einsetzen! … dass in Europa Menschenrechte, Gerechtigkeit, Toleranz und Solidarität zur Geltung kommen. Lassen wir uns dafür von der Gewaltfreiheit Jesu inspirieren und arbeiten an der Unterstützung von solidarischen Aktionen von und mit Kirchen in Europa und weltweit, um das Friedensprojekt Europa mit Leben zu erfüllen.“ (Lydia Funck, Generalsekretärin von Church and Peace e.V.)

Improvisation zu „Kehre um, kehre um …“

„Die Welt von morgen wird eine, muss eine Gesellschaft sein, die sich auf Gewaltfreiheit gründet. Das ist das erste Gesetz; aus diesem werden alle anderen guten Taten hervorgehen. Dies mag ein entferntes Ziel sein, ein unpraktisches Utopia. Aber es ist nicht im Geringsten unerreichbar, da man dafür hier und jetzt arbeiten kann. Ein Einzelner kann den Lebensstil der Zukunft praktizieren den gewaltfreien Weg – ohne auf andere warten zu müssen. Die Menschen zögern oft, einen Anfang zu machen, weil sie fühlen, dass das Ziel nicht vollständig erreicht werden kann. Diese Geisteshaltung ist genau unser größtes Hindernis auf dem Weg zum Fortschritt, ein Hindernis, das jeder Mensch, sofern er nur will, aus dem Weg räumen kann.“ (Mahatma Gandhi, 1946)

Liebe Gemeinde, es gibt viele mutmachende Friedenszeichen in der Welt. Und wir sind dankbar, dass es Menschen gibt, die an den Frieden erinnern und für den Frieden leben mit allen Konsequenzen. Jedoch nicht jeder und jede von uns kann dies. Doch wir können eines tun, das in unseren Möglichkeiten steht: Seit unserer Entstehung haben wir in unserem Herzen einen Raum der Stille, in dem Frieden herrscht. Viele ahnen nichts von diesem Raum und dieser Möglichkeit. Es ist jedoch unser Geburtsrecht, diesen Frieden in unserem Herzen zu spüren und ihn in uns auszuweiten. Denn jeder Friede in dieser Welt, in dieser Gesellschaft, in dieser Gemeinde beginnt in unserem Herzen. Lassen sie uns also beginnen, den Grund zu legen, damit eine Umkehr zum Frieden in dieser Welt an vielen Orten möglich ist. Lassen sie uns beginnen, den Frieden in unserem Herzen zu finden, zu spüren und mit jeder Körperzelle zu leben. Gott möge uns mit seiner Gegenwart begleiten und uns den Weg zu einem neuen Leben zeigen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unseren Herrn. Amen.

(Stimmen der Friedensbot*innen aus: Friedenszeitung, Sonderausgabe 2020 zur Ökumenischen FriedensDekade, S.4-5; Arbeitsheft zur Ökumenischen FriedensDekade S.35)