Predigten

Taufe – ein Weg zum Gottes Kind

Predigt vom 1. Sonntag nach Epiphanias gehalten in der Pauluskirche in Berlin-Zehlendorf

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

eintauchen – untertauchen – einweichen – aufweichen – auflösen – abwaschen – abspülen – freilegen – beleben – erfrischen – erneuern – lebendig machen – stärken – orientieren – aufhelfen – verbinden

Liebe Gemeinde,

als ich über Taufe nachdachte, fielen mir alle diese Worte ein, die ich eben genannt habe. Und ich habe gestaunt, wie vielfältig die Handlungen sind, die ich mit Taufe verbinde. Wir haben uns in der kirchlichen Tradition angewöhnt, Taufe vorrangig als Zeichen für die Erneuerung in der Verbundenheit mit der Gegenwart Gottes zu verstehen. Ausgedrückt wird diese vor allem in der Mitgliedschaft in den Kirchen. Ausnahmsweise sind sich da die Kirchen einig und erkennen die Taufe der einzelnen Kirchen gegenseitig an. Man könnte sagen, es gibt eine christliche Taufe, was jedoch die unterschiedlichen Verstehensweisen nicht aufhebt. Einigkeit in der Vielfalt des Verstehens.

Doch wenn wir heutzutage über Taufe nachdenken und sprechen, dann steht der formale Akt kirchlichen Handelns im Vordergrund. Das Bekenntnis zum Glauben, das Zeichen des Wassers und des Kreuzes kommen in der ritualisierten Handlung vor; dann oft auch eine Kerze, die meist in einem beliebigen Zusammenhang angezündet wird. Am Ende gibt es einen Segen und Zuhause feiert die Familie. Nun ist der getaufte Mensch Glied der Kirche.

Wenn wir auf die Erzählung von der Taufe Jesu schauen, dann wird deutlich, dass diese Taufe durch den Johannes am Ende und am Anfang eines Prozesses steht. Jesus ging einen bewussten Schritt, um ein Leben in der Gegenwart Gottes zu führen. Vorher hatte er sich dem Täufer angeschlossen und seine Lehren gehört. Die Taufe markiert einen deutlichen Wendepunkt in seinem Leben. Im Anschluss geht Jesus in die Wüste, um in der Zwiesprache mit Gott Orientierung zu finden. Und als er zurückkehrt, beginnt er ein Leben als wandernder Lehrer, Heiler und Gottesmann. Das Zentrum seines Lehrens wird die Nähe des Gottesreiches. Die Gegenwart Gottes ist hier und jetzt spürbar, sie hat begonnen und hat ihren Anfang in der Liebe der Menschen zueinander. Der zentrale Satz könnte lauten: Das Reich Gottes ist mitten unter euch.

Liebe Gemeinde, aus diesen verschiedenen Aspekten heraus möchte ich ihren Blick gern auf die inhaltliche Seite der Taufe lenken. Im Nachdenken darüber ist mir immer deutlicher geworden, dass Taufe eigentlich ein Prozess beschreibt, der möglicherweise in einem vollzogenen Akt einen Ausdruck finden kann, aber doch viel eher beginnt und lange danach noch weiterwirkt. Nach der Taufe Jesu tut sich der Himmel auf und eine Stimme spricht: „Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Am Ende der Taufe steht ein Gotteskind.

Diese Aussage beziehen wir gern allein auf Jesus, denn es kann nicht sein, dass auch wir nach der Taufe als solche Gotteskinder gemeint sein könnten. Taufe weicht etwas auf, im Verstehen und in der Realität.

Ja, wir Menschen haben um unser Wesen einen harten Panzer gebaut, damit wir in den Rollen unseres Lebens bestehen könne, damit wir der oder die sein können, die wir vor den anderen gern darstellen wollen. Unser Herz ist eingesperrt in unserer Brust, damit wir die Gefühle gar nicht zeigen müssen, die wir haben, wenn man uns beleidigt, ausgrenzt, lobt, ehrt oder kritisiert. Unser Panzer hält diese alle zurück und wir können wie gesteuert funktionieren. Oft ist jedoch die Frage, wer den Steuerknopf in der Hand hält. Sind es unsere Eltern, die Nachbarn, Verwandte, die Kolleg*innen und Mitschüler*innen oder sind wir selbst diejenigen, die Kontrolle ausüben, damit unsere Karriere gelingt, die Beziehung funktioniert, die Kinder stolz sind. Doch wer sind wir in diesem Panzer, der uns hält? Wer ist der Mensch, der sich darin verbirgt? Wer ist es, der getauft ist, dessen Panzer eingeweicht wurde, damit der Mensch darin Mensch werden kann? Einweichen, aufweichen, weich werden.

Taufe wäscht ab, spült ab, reinigt. In der Tradition spricht man von Sünden, die abgewaschen werden. Sünden sind Zusammenhänge, die uns von dem Göttlichen trennen. Doch ich frage: Ist es überhaupt möglich, dass wir von dem Göttlichen getrennt sein können? Gibt es eine Tat, die das bewirken kann? Sind wir in unserem Tun so mächtig und größer als Gottes Liebe? Die Taufe wäscht alle Gedanken ab, die uns einreden wollen, dass es eine Trennung zwischen Gott und Mensch gibt. Unser Verstand kann die Größe Gottes und seiner Liebe nicht denken – muss sie auch nicht. Denn hier heißt es zu vertrauen. Gott in seiner liebenden Gegenwart ist so umfassend, dass wir Menschen voller Dankbarkeit und Demut dieser begegnen und sie in ihrer Fülle annehmen können. Taufe reinigt von den Gedanken, Gott klein zu denken und uns mit unseren Ideen über diese Größe zustellen. Taufe wäscht die Überheblichkeit menschlichen Denkens weg, sie reinigt unseren Verstand und macht ihn bereit, die Gedanken der Liebe zu bewegen. Taufe spült ab, spült weg und reinigt.

Taufe macht lebendig, orientiert und verbindet. Täglich erleben wir lähmende, verwirrende und zerstörerische Ereignisse. Teilweise verzweifeln einzelne an den Umständen, in denen sie leben und die sie sich nicht anders erklären und die sie auch nicht ändern können. Wenn wir einer schwierigen Situation gegenüberstehen dann reagieren wir mit Flucht – jede und jeder hat da so seine Wege. Dieses Verhalten kennen wir. Sehr verschieden sind da die Möglichkeiten.  Der eine reist um die halbe Welt, die nächste arbeitet von früh bis spät, ein anderer ist mit Krankheiten beschäftigt, eine andere greift lieber zu Drogen, um nicht alles so deutlich wahrzunehmen. Ein anderer opfert sich hingebungsvoll für andere auf. Fliehen können wir unterschiedlich vor dem Leben in unserem Leben.

Eine andere Reaktion ist das Kämpfen. Auch darin sind viele von uns gut. Da wir vieles besser wissen und besser können als die anderen, ergibt sich ein weites Feld, auf dem wir losschlagen können. Heute müssen wir nicht mehr in den Kampf ziehen, um dem Gegner zu begegnen.  Das Internet bietet da bequeme Möglichkeiten und einen wunderbaren Raum, um unsere Angst in Kampf umzusetzen.

Und dann gibt es noch die Möglichkeit, sich einfach Tot zu stellen. Einfach nicht bewegen. Die Kreise in meinem nahen Umfeld reichen aus. Der Arzt gibt noch die richtige Diagnose dazu und dann warte ich so lange, bis alles vorbei ist. Die Mechanismen unserer Angst nehmen uns die Lebendigkeit, sie rauben uns die Vielfalt, auf die Ereignisse in unserem Leben verschieden und angemessen zu reagieren.

Lebendig sein, Orientierung finden, in der Verbindung mit anderen sein. Die Taufe macht genau das deutlich, In der Verbundenheit mit Gottes Gegenwart ist niemand allein. Die Taufe ist ein Weg in die Gemeinschaft und damit gleichzeitig heraus aus unserer Angst. Die Verbundenheit mit der göttlichen Gegenwart hat aber auch immer den klaren Impuls der Liebe, so dass ein Kampf wirklich sinnlos erscheint dadurch, aber auch das Wegducken macht in der Liebe wenig Sinn.

Liebe Gemeinde, wenn wir in Christus getauft sind, wie es Paulus formuliert, dann sind gilt auch uns der Satz: „Du bist mein lieber Sohn / meine liebe Tochter an dem / an der ich Wohlgefallen habe.“ Die Taufe ist also ein Weg auf dem wir Menschen werden können, an denen Gott Wohlgefallen hat – Kinder Gottes. Und damit wird mir noch etwas Entscheidendes deutlich. Die Taufe kann nicht nur für wenige gelten. Das, was Taufe als Weg zum Menschwerden meint, gilt allen. Vielleicht werden nicht alle Glieder der Kirchen, aber sie können Menschen werden reingewaschen von Ideen der Überheblichkeit und Anmaßung, sie können ihrem Herzen folgen und verbunden in der Gemeinschaft aller Wesen, die auf dieser Welt leben, ihr eigenes Leben gestalten und verantworten.  Und sie handeln frei von den Mechanismen der Angst.

So wünsche ich uns, dass wir uns an diesen Weg immer wieder erinnern und den Satz in unserem Bewusstsein behalten: Du bist Gottes Kind, an dem er Wohlgefallen hat.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unseren Herrn. Amen.