Predigten

Verklärung Jesu

Predigt am letzten Sonntag der Epiphaniaszeit (31.Januar 2021) gehalten in der Pauluskirche in Berlin-Zehlendorf zu Matthäus 17,1-9

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde,

der letzte Sonntag der Epiphaniszeit ist in der evangelischen Kirche von der Erzählung der Verklärung Jesu geprägt, die wir gehört haben. Epiphanie ist ein griechisches Wort und bedeutet: Erscheinung der Herrlichkeit Gottes. Im Geschehen von Weihnachten bedenken die Christ*innen die Verbindung des Göttlichen und Menschlichen in der Geburt eines Kindes. In diesem Geschehen wird eine Aussage über den Menschen getroffen, die unvorstellbar ist und von daher immer wieder abgemindert oder gar in ihr Gegenteil verkehrt wurde. Das Göttliche und Menschliche sind nicht zu trennen. Schon in den alten Schriften des Judentums, dem Tanach, weisen viele Stellen auf diese Verbindung hin. Aber hier in der Geburt des Menschen Jesus wird dies in einer geheimnisvollen, menschlichen und tief in die jüdische Tradition verwurzelte Weise ausgemalt.

Wenn wir über die Verklärung Jesu nachdenken, dann sollten wir uns als erstes darüber klar werden, dass wir es bei diesen Geschichten mit Literatur zu tun haben. Das Evangelium nach Matthäus wurde ca. 60 Jahre nach dem Tod Jesu geschrieben. Vieles hatte in der mündlichen Überlieferung schon eine harmonisierende Veränderung erfahren. Wir müssen uns vorstellen, dass wir heute Geschichten aus den 50iger Jahren aufschreiben. Die Älteren erzählen darüber, wie es früher einmal war. Dann schwelgen sie in Erinnerungen und träumen sich zurück in die gelebte Vergangenheit. Nicht selten wird diese beschönigt, erscheint in tollen Farben und wird damit verklärt.

Aber die Erzählungen des Matthäus unterliegen zum einen dieser Veränderung, die wir heute nicht mehr bestimmen können. Andererseits fügt der Schreiber des Matthäusevangeliums die Erzählungen nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahre 70 n.Chr. zusammen. Damals wurde der Tempel zerstört, eine jahrhundertealte Tradition vernichtet. Juden durften nicht mehr in der Stadt Jerusalem leben, sie nicht betreten und die Spannungen zur römischen Besatzermacht nahm zu. Die ersten Christ*innen waren Juden und somit auch von dieser Verfolgung durch den römischen Staat betroffen. Verständlicherweise versuchten sie sich der griechisch-römisch denkenden Welt anzunähern, sich von der jüdischen Tradition abzugrenzen, die besseren Staatsbürger zu sein. Griechische Vorstellungen fließen in den jüdisch geprägten Glauben der Christen ein. Und so kommt es zu einem Gemisch von Glaubensvorstellungen. An der Erzählung von der Verklärung Jesu kann man dieses sehr schön ablesen.

Liebe Gemeinde, aber beginnen wir Schritt für Schritt. Die Erzählung von der Verklärung Jesu ist eine Art Meditationsgeschichte, über die Menschen nachdenken, sich vertiefen oder eine erweiterte Art der Wirklichkeitswahrnehmung üben konnten. Der Berg ist der Berg der Gotteserkenntnis. Menschen besteigen diesen auf einer inneren Wanderung, um dort dem Göttlichen zu begegnen, den Überblick zu haben und den Blick im inneren zu weiten, damit er auch in der äußeren Welt weiter werden kann. Jesus führte drei seiner Jünger an einen solchen Ort des Wahrnehmens. Es waren sechs Tage vergangen, was an die Schöpfungsgeschichte erinnert: Sechs Tage lang schuf Gott die Welt, am siebenten Tag vollendete, heiligte, segnete Gott seine Schöpfung und dann ruhte er sich aus. Es ist also alle Arbeit getan, es ist der Tag, der dem Göttlichen zur Verfügung steht, der Erkenntnis, der Vollendung. Weißes Licht spielt eine Rolle, das Jeus einhüllt, seine Erscheinung verändert und somit seine Bedeutung sichtbar macht. Die Jünger folgten dem Vorbild Jesu, gingen seinen Weg des Glaubens nach und sie fanden in einer solchen Geschichte, innere Bilder, die ihnen Halt und Zuversicht in einer sich verändernden und bedrohten Welt gaben.

Es erscheinen zwei Gestalten der Tradition des jüdischen Glaubens. Mose: Sein ‚Name bedeutet „der Geborene“, steht für den Beginn der Glaubenstradition mit den Offenbarungen des Gottesnamens und der 10 Gebote am Gottesberg. Mose ist der Garant der Treu Gottes. Durch ihn wird deutlich, dass das Göttlich, mit dem in dieser Tradition gerechnet wird, keine Allüren hat wie die griechischen Götter, sondern eine ganz andere Qualität darstellt. In der Mosegeschichte geht es um die Freiheit des Volkes Israel. Freiheit ist die Überschrift über den 10 Gebot. Um Freiheit für das Volk und für jeden einzelnen in dieser Gemeinschaft geht es in diesem sehr komplexen Merktext. Und wenn der auferstandene Jesus in dieser Reihe steht, dann geht es bei ihm um die Freiheit, die den Tod nicht fürchtet und auf die göttliche Freiheit über den Tod hinaus vertraut.

Die zweite Figur der jüdischen Tradition ist Elia. Elia bringt eine andere Qualität mit sich. Sein Name bedeutet: Mein Gott ist der „Ich bin, der ich bin“, dem Mose schon begegnet war am Dornbusch. Er ist ein Kämpfer für diese göttliche Erfahrung. Seine Auseinandersetzungen waren laut, blutig und gewaltsam. Und dann musste er die Erfahrung machen, dass Gott ihm im leisen Säuseln begegnete. In der jüdischen Tradition fährt er in einem feurigen Wagen in den Himmel am Ende seines Lebens. So gilt er bis heute als der Vorbote des zukünftigen Retters, der eine politische Freiheit auf die Erde bringen wird. Einerseits finden wir in Elia ein Symbol für die Treue im Glauben, aber auch für die lebendige Entwicklung des Glaubens. Andererseits ist er ein Symbol für die Zukunft und die Freiheit, die Gott im Weg des Glaubens garantieren wird.

Die dritte Figur, die in diesem Bild erscheint, ist Jesus. Die Jünger bekannten ihn als den Auferstandenen, dessen Leben von Gott über den Tod hinaus bewahrt und bestätigt wurde. Und dann erscheint eine Wolke – das Bild für die Schechina, die Einwohnung Gottes in der Welt – und aus ihr hören die Jünger eine Stimme, die sagt: „Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Gerne würde ich den Schreiber fragen, was er mit der Bezeichnung „Sohn“ meint. Wird Jesus hier zum Sohn, wird er adoptiert, so wie es bei den Königen im Altertum der Fall war? Ist er aus Gott hervorgegangen, wie es spätere Gläubige ganz im Sinne griechischer Philosophie meinten? – Ein Bild, das zur Meditation einlädt.

Petrus ist auch ganz verzückt. Er möchte drei Hütten bauen und dort verweilen. Es ist ein sehr verständlicher Wunsch, dass man gern das festhalten möchte, was einem so großartig erscheint. Doch es können wir nicht bei der Mediation der Personen stehen bleiben. Sie haben erst eine Bedeutung, wenn wir sie in unser Leben holen und ihnen hier und jetzt eine Bedeutung geben.

Liebe Gemeinde, ein Meditationsbild, das hier vor unseren Augen entsteht. Ein paar wenige Hinweise habe ich ihnen gegeben, um der Vielschichtigkeit und der Tiefe dieser Erzählung nachzugehen. Doch bleibt noch die Frage, was dieses Bild für uns heute bedeuten kann? Auch wir leben in Zeiten, die sehr ungewiss erscheinen. Was wir bisher als selbstverständlich ansahen, wird sich verändern. Wir werden uns wieder begegnen, aber in einer anderen Art und Weise als wir es bisher taten. Wir werden reisen, aber es wird anders werden. Wir haben eine Zukunft vor uns, aber wir wissen noch nicht, wie sie wirklich aussehen wird. Wir werden in unserer Gesellschaft Arbeit, Erholung, Kultur und Zusammenleben gestalten, aber es wird nicht mehr so sein, wie wir es kannten. Es wird eine andere Qualität sein, in der wir uns begegnen. Und wir sind auf dem Weg dorthin.

Vielleicht ist es an der Zeit,

  • dass wir uns besinnen auf die tiefen Wurzeln, die wir im Glauben haben, die lange Tradition, in der wir stehen und durch die wir in einem bestimmten Rahmen gehalten sind;
  • dass wir uns besinnen auf die Treue des Göttlichen in der Verbundenheit mit dem Menschlichen;
  • dass wir uns auf den Weg der Freiheit im Glauben besinnen, um den es schon immer ging und der unser göttliches Erbe ist;
  • dass wir uns besinnen, worum es wirklich in unserem Leben gehen sollte und welche Entscheidungen wir jetzt dringend fällen sollten, um in eine hoffnungsvolle Zukunft zu gehen;
  • dass wir uns besinnen, dass wir ein Teil von einem großen Ganzen sind und jeder Zeit auf die tiefe Weisheit in allem vertrauen können.

Liebe Gemeinde, Verklärung ist eine Möglichkeit, in den tieferen Sinn der Zusammenhänge einzudringen. Was dem Verstand manchmal nicht möglich ist, kann in einer solchen inneren Schau eine Belebung unserer Gedanken bringen. Beginnen wir heute, denn wir brauchen in unserer Zeit dringend neue Antworten auf die Fragen und neue Impulse für die Zukunft. Vertrauen wir auf die Gegenwart Gottes und auf seine wohlwollende Treue.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere herzen und Sinne in Christus Jesus, unseren Herrn. Amen.