Predigten

Im Vertrauen gehen

Predigt vom 4. Januar 2026 gehalten in der Alten Dorfkirche in Berlin-Zehlendorf

Lesungen: Jona 2,11-3,5.10

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde,

heute haben wir uns zum ersten Gottesdienst im neuen Kalenderjahr 2026 getroffen. Die Rückblicke auf das vergangene Jahr sind vorbei. Die Bilanzen waren in verschiedenen Bereichen erfreulich und hoffnungsfroh, in anderen eher ernüchternd bis deprimierend. Probleme traten auf, an die keiner vorher im Geringsten gedacht hatte. Immer komplexer zeigten sich die Zusammenhänge und manche Themen sind in einem unübersichtlichen Knäuel von Fakten verwoben. Es macht Mühe sie zu verstehen. Und es ist nicht einfach. So ist es auch nicht verwunderlich, dass manch einer am Anfang des Jahres 2026 dasteht und mit gemischten Gefühlen in die Zukunft schaut. Was wird werden? Wie werden sich die Zusammenhänge entwickeln? Wird die Welt ein Ort von Frieden und Gerechtigkeit werden? Und was kann ich eigentlich dazu beitragen?

Wir haben als erste Lesung ein paar Verse aus der Lehrgeschichte von Jona gehört. Der Anfang ist ihnen sicher bekannt. Jona bekommt den Auftrag von Gott, in die Stadt Ninive zu gehen, um den Menschen mitzuteilen, dass ihre schöne Stadt zerstört werden wird, wenn sie weiterhin so leben, wie sie es tun – rücksichtslos und auf Kosten anderer, keine Achtung vor dem Leben und der Würde des Nächsten. Ja, wenn die Menschen in Ninive so weitermachen, werden sie sich, ihr Zusammenleben und damit die Existenz ihrer Stadt gefährden. Jona ist dieser Auftrag zu groß, zu gefährlich, zu unmöglich. Er flieht und begibt sich auf ein Schiff, das nach dem Ablegen in Seenot gerät. Jona begreift, dass sein Leben in einem größeren Zusammenhang steht, vor dem er gern weglaufen möchte, was aber nun nicht mehr geht. Es bleibt nur ein Schritt des Vertrauens, der möglich ist. Die Bibel drückt es in dem Bild aus, dass Jona ins Wasser geworfen und im Bauch eines Fisches gerettet wird. Nach drei Tagen spuckt der Fisch ihn an Land. Gott hat die Reset-Taste gedrückt – Zurück auf Anfang. Nun macht Jona, was von ihm erwartet wird. Und siehe, es wird ganz anders als Jona dachte. Die Menschen in Ninive hören auf ihn, sie verändern ihr Verhalten und können damit sogar die Katastrophe abwenden. Theologische gesprochen: Sie finden Gnade bei Gott. Jona hat nun ein ganz anderes Problem. Er setzt sich auf einen nahen Hügel und wartet darauf, dass die Stadt untergehen soll. Gott hatte es doch zugesagt. Die Gnade Gottes ist etwas, mit dem Jona nicht umgehen kann. Er hatte sich so angestrengt und die ganze Mühe mit dem Fisch gehabt. Und nun wird alles anders als er dachte und es geht dann auch noch gut aus??? Wie kann das sein???

Liebe Gemeinde, diese Geschichte ist am Anfang das Kalenderjahres, da wir gewohnt sind in die Zukunft zu schauen, ein wunderbarer Spiegel, der uns vorgehalten wird.  Wie viele Menschen packen nicht ihre Koffer und fliehen, wenn sie in die Zukunft schauen? Aufgaben zeichnen sich ab, die auf einen zukommen, vor denen man liebsten fliehen möchte. Bei den meisten hat das Kofferpacken eine andere Gestalt als bei Jona. Eine der beliebtesten Formen ist: „Das habe ich vergessen.“ Es ist schon erstaunlich, dass eine solche Ausrede Hochkonjunktur hat in einer Zeit, in der elektronische Mittel aller Art vorhanden sind, um uns zu erinnern. Man muss sie eben einsetzen und benutzen.

Dann gibt es auch die Ausrede mit den ganzen wichtigen Dingen, die uns so abhalten. Es mag ja wirklich einiges zu dem Unverschiebbaren gehören, doch sein sie einmal ehrlich zu sich selbst: Wie oft benutzen sie eine Aktivität, um sich um eine unangenehme Aufgabe zu drücken?

In unserer Gesellschaft haben wir die Praxis, dass wir uns an den Negativmeldungen festhalten und wenn das nicht ganz klappt, dann doch wenigstens das „Haar in der Suppe“ finden. „Es hat damals nicht funktioniert, also muss ich es gar nicht erst probieren.“ Wir entschuldigen unser Zögern mit den Erfahrungen der Vergangenheit, obwohl der jetzige Augenblick ganz neu ist.

Ich nenne dieses Phänomen gerne die „Verschieberitis“.  Sie kann sehr verschiedenen Formen annehmen und ist individuell auch sehr unterschiedlich. Das gilt übrigens im politischen, gesellschaftlichen Bereich, wie auch in unserem persönlichen Umfeld. Wir bringen sehr viel Zeit und Fantasie auf, um den nächsten notwendigen Schritt nicht gehen zu müssen oder gar zu verhindern.

Liebe Gemeinde, in der Jonageschichte drückt Gott die Reset-Taste – zurück auf Anfang. Und Jona geht nach Ninive und warnt die Menschen. Doch nun hat Jona ein ganz anderes Problem: Die Bewohner von Ninive hören auf ihn und verändern ihr Leben. Sie nehmen ihn und seine Worte ernst. Theologisch gesprochen: Gott ist ihnen gnädig und verschont sie. Gott verändert sein Handeln, wenn die Menschen sich verändern. Jona kommt damit nicht klar und er setzt sich auf einen nahen Berg und wartet, dass die Stadt nun untergehen soll. Er kann seinen Erfolg nicht sehen und auch nicht wertschätzen. Es scheint so, als würde bei ihm nur die Katastrophenmeldung zählen. Gott existiert nur, wenn es keine Veränderung gibt. Die Gnade Gottes, also Vergebung und Veränderung, passen nicht in den Plan Jonas.

Und nun frage ich: Inwiefern passt die Gnade Gottes denn in unseren Plan? Könnten wir es ertragen, dass es möglicherweise anders kommen könnte, als wir es gedacht haben? Könnten wir mit einem Erfolg leben? Könnten wir anerkennen, dass es gut gelungen ist, was wir getan haben? Oder sitzen wir wie Jona, auf einem Hügel und warten darauf, dass endlich die Katastrophe geschieht?

Liebe Gemeinde, die Geschichte von Jona ist ein sehr besonderer Spiegel, der uns hier vorgehalten wird. Gott ist eine lebendige Gegenwart, die mit dem Menschen mitlebt, sich verändert und damit immer offen ist in die Zukunft hinein. Eine Herausforderung.

Im Evangelium hörten wir, wie Jesus im Tempel von Jerusalem aus dem Tanach, der jüdischen Bibel vorliest und sie auslegt. Jesus zählte zu den Menschen, die sich mit ihrem Leben auf genau diesen lebendigen Prozess mit Gott eingelassen haben. Und damit haben wir einen wichtigen Hinweis: Um den nächsten Schritt gehen zu können, um herauszufinden, was Geist, Seele und Körper brauchen und können, ist eine stetige Beschäftigung mit den Weisungen Gottes hilfreich und angebracht. Bleiben wir also mit der Quelle, den Geschichten der Bibel verbunden. Hier finden wir das Zuhause, die Heimat, den Grund für die Lebendigkeit unseres Lebens. Und wir können erspüren, welches der nächste Schritt ist, der notwendig ist – sei er erfolgversprechend oder schwierig.

Liebe Gemeinde, so wünsche ich uns, dass wir uns in diesem Jahr auf die gnädige Lebendigkeit Gottes einlassen können und mit dem Erfolg rechnen. Mögen unsere Vorhaben und Pläne zum Wohle vieler dienen, möge unser Handeln ein Segen sein, möge durch uns die Welt friedlicher und gerechter werden. Dies schenke uns der Gott des Lebens.