Jubilate – Folge der Weisheit
Predigt gehalten am 26.April 2026 in der Pauluskirche in Berlin-Zehlendorf
Texte Spr. 8,22-36 und Joh. 15,1-8
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.
Liebe Gemeinde,
als ich den Text aus den Sprüchen das erste Mal gelesen habe, musst ich ein bisschen schmunzeln. Wie weise spricht doch die Weisheit in diesen Versen. Und sie spricht so, als würde sie allein mit ihrer Einladung, uns einen Spiegel vorhalten und die momentanen Geschehnisse in der Welt entlarven. „Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen bei Gott. Wer mich aber verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.“ (Spr. 8,35f) Torheit zerstört Leben; die Abkehr von der Weisheit bringt den Tod. Ich glaube, jede und jeder hat ein Gespür dafür, was mit diesen Worten gemeint sein könnte. Und doch möchte ich gerne die Einladung der Weisheit annehmen und etwas genauer schauen, was Weisheit alles meinen könnte.
Die ersten Verse erzählen davon, dass die Weisheit von Anbeginn der Schöpfung bei Gott war. Bevor alles entstand, war die Weisheit schon bei Gott. Sie wurde eingesetzt von Ewigkeit her. Somit ist alles, was geschaffen wurde und wie es miteinander in Beziehung steht, funktioniert und wirkt, ein Ausdruck göttlicher Weisheit. Falls sie nachher noch einen Spaziergang machen, können sie in der aufbrechenden Natur des Frühlings einen Ausdruck dieser göttlichen Weisheit sehen. Alles ist in eine wunderbare, sich erneuernde Ordnung gefasst, die keinen menschlichen Verstand braucht. Im Schöpfungsbericht wird erzählt, dass der Mensch am sechsten Tag dazukam, als alles schon in seiner weisheitlichen Ordnung war. Das macht deutlich, dass der menschliche Verstand der Weisheit nach geordnet ist. Wissen, das wir uns aneignen ist etwas anderes als Weisheit. Wissen verführt Menschen zur Überheblichkeit, dass sie prahlen mit dem, was sie sich als Wissen erworben haben, wie klug sie sind. Weisheit weist auf Gott. Im Buch der Sprüche Kapitel 3 heißt es „Vertraue auf den Herrn von ganzem Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand.“ (3,5-6) Auch im 1. Kapitel, Vers 7 wird gesagt: „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis.“ Ja, der Respekt vor Gott und die Ehrfurcht vor dem, was wir alles mit Gott beschreiben: nämlich, das Leben, die Liebe, Frieden und vieles mehr, sind der Anfang des Erkennens, der Anfang des Verstehens. Es geht also um das Vertrauen auf Gott, das uns schützen kann vor jeder Form der Selbstüberschätzung. Viele Zusammenhänge in unserem Leben können wir nicht gleich oder möglicherweise nie verstehen. Um nicht in einem puren Aktionismus zu verfallen, hilft es, sich immer wieder auf eine andere Ebene, auf einen größeren Zusammenhang zu beziehen. Der Glaubende würde sagen: Nach Gottes Willen zu handeln. Wenn sie in die Welt schauen, können sie selbst sehen, welche Veränderung die Öffnung für die Weisheit von Gott dem Zusammenleben der Menschen für einen Gewinn bringen würde.
Liebe Gemeinde schauen wir uns einen weiteren Aspekt an. Da Weisheit von Menschen nicht erarbeitet werden kann, ist sie ein Geschenk. In der Bibel gibt es die wunderbare Geschichte von König Salomo (1.Kö. 3), der als junger König merkt, dass er möglicherweise der großen Aufgabe des Regierens nicht gewachsen ist. Alle seine Sorgen spricht er in einem Traum vor Gott aus. Er schaut auf sein Unvermögen, und er bittet Gott um ein gehorsames Herz, um zu verstehen, was gut und böse ist. Er bittet nicht um Reichtum, langes Leben oder den Tod der Feinde. Sein Traum von einem verständigen Herzen geht in Erfüllung. Und so wird er ein weiser König, der kluge Entscheidungen fällt. Reichtum und Ansehen bekommt er noch dazu. Salomo macht es uns vor, er bittet im Traum um Weisheit und damit um eine andere Perspektive auf das Leben. Ja, er lädt uns ein, zu fragen, was wir uns denn wirklich wünschen? Wonach sehnen wir uns? Wie sehen wir unser Leben? Und welche Rolle spielt die Weisheit bei uns? Wie verstehen wir sie im Bezug auf unser Leben?
Liebe Gemeinde, einen dritten Aspekt möchte ich noch hervorheben. Im Evangelium hörten wir das bekannte Bild vom Weinstock und den Reben. Es ist auch ein Weisheitsbild: In der Verbundenheit mit Jesus, der im Neuen Testament als Verkörperung göttlicher Weisheit, als fleischgewordenes Schöpfungswort angesehen wird, ist die Grundlage gelegt für das Fruchtbringen, für gute Taten. Oft wird auf die Menge der guten Früchte hingewiesen, die notwendig sind, um ein Gott gefälliges Leben zu führen. Jedoch haben die Worte im Johannesevangelium eine andere Ausrichtung. Allein in der Verbundenheit im Glauben mit Jesus Christus ist schon alles geschehen. Auch hier geht es nicht um Aktionismus, sondern um Vertrauen. Jesu Lehre ruft auf, Liebe zu leben und den Hass im Alltag zu wandeln. Er stellt in der Bergpredigt Vergebung an erste Stelle – Vergebung, die nicht nur den Freunden gilt, sondern auch die Feinde miteinschließt. Und er betont die Demut, die dem Stolz die Kraft nimmt. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh. 15,5)
Liebe Gemeinde, am Sonntag Jubilate sind wir aufgefordert zu jubeln, zu singen und Gott zu loben, denn alles wird neu. Es wird neu in der Natur¸ aber auch wir Menschen werden neu und jeder Augenblick hat das Potential zu Neuem. Loben wir Gott, dass er uns die Möglichkeit der Weisheit schenken will und damit unsere Haltung und unseren Blick auf die Welt und das Lebens verändert. Schwerter werden zu Pflugscharen, Wege der Versöhnung tuen sich auf. Im Lob malen wir ein anderes Bild von dieser Welt und wir malen es aus der Verbundenheit zur göttlichen Weisheit.
Loben wir Gott, dass er uns die Möglichkeit des Gebets schenkt. Wir dürfen lernen, unsere eigenen Grenzen zu verstehen und für das Gelingen und den Segen allen Tuns zu bitten.
Loben wir Gott für die Verbundenheit im Glauben an Jesus Christus. Wir sind nicht allein und wir sind in dieser Verbundenheit durch das fleischgewordene Schöpfungswort gut. Es ist alles getan und wir dürfen vertrauen, dass unser Tun im Einklang mit dem Göttlichen sein wird.
Liebe Gemeinde, ich lade sie ein, zu spüren, welche Freiheit uns zugesprochen ist, welcher Frieden in unserem Herzen wohnt und welche Kraft in der Versöhnung mit sich selbst, den Menschen und der Welt ruht.
Die Weisheit lädt uns ein und diese Einladung gilt jetzt und jeden Augenblick unseres Lebens. Nehmen wir sie an, damit Frieden und Versöhnung ein Traum sind, der durch uns in dieser Welt gelebt wird.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unseren Herrn. Amen.