Predigten

Gottes Ruf in die Welt

Predigt vom 2. August 2026, 9.Sonntag nach Trinitatis, gehalten in der Alten Dorfkirche in Berlin-Zehlendorf

Bibeltexte: Jer. 1, 4-10; Mt. 13, 44-46

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde,

in der Trinitatiszeit werden an jedem Sonntag verschiedene Themen des Glaubens besprochen. So war es vor zwei Wochen die Frage nach dem Abendmahl und am vergangenen Sonntag die Vergleichsgeschichte vom Salz der Erde und vom Licht auf dem Berge. Christen sind wenige in der Gesellschaft, aber sie haben eine besondere Aufgabe, ohne die etwas fehlen würde. Die Gemeinschaft der glaubenden Christen ist wichtig und hat eine besondere Stellung.

Heute wenden wir uns nun dem einzelnen Menschen zu. Im Evangelium hörten wir, dass das Himmelreich – also die Gegenwart Gottes unter uns Menschen – einem Schatz gleicht, den ein Mensch in seinem Acker findet. Und er gibt alles daran, diesen Schatz zu behalten, in dem er den Acker kauft. Ähnlich ist das Bild vom Kaufmann mit der Perle zu verstehen. Die Gegenwart Gottes in dieser Welt ist keine philosophische, gedachte Wirklichkeit, sondern ist im Zusammenleben der Menschen erfahrbar. Jesus hat es den Menschen vorgemacht. Er lebte anders als die Normen der damaligen Zeit es vorschrieben. Äußere Unterscheidungen und Zuschreibungen traten für ihn in den Hintergrund. Im Glauben an Gott lösten sich die von Menschen gemachten Grenzen auf. Im Glauben zählte es, den Menschen als Gottes Geschöpf zu sehen, ihm zu begegnen und zu lieben. Zahlreiche Geschichten nennen Beispiele wie es gehen kann. Da ist der barmherzige Samariter, der sich liebend einem Menschen in Not zuwendet. Jesus übergeht die Kinder nicht als unwerte Lebewesen, wie es damals üblich war. Er heilte Kranke und nahm die Ausgestoßenen in die Gemeinschaft hinein. Das lehrte er seinen Jüngern und forderte sie auf, es ebenso zu tun. So lesen wir in der Apostelgeschichte, dass Petrus und Johannes einen Gelähmten auf der Treppe des Tempels aus seiner Erstarrung befreien. Wer sich also auf den Weg des christlichen Glaubens begibt, kann diesen Schatz für sich entdecken, kann eine solche kostbare Perle erlangen. Das Himmelreich – Gottes Gegenwart – wird lebendig, wo Menschen miteinander sich in einer solchen Haltung begegnen.

In der ersten Lesung hörten wir vom Propheten Jeremia. Er zählt zu den großen Propheten der jüdischen Tradition. Jedoch ist seine Geschichte kein einfacher Aspekt, denn mit ihm wird uns ein außergewöhnlicher Vertreter des Glaubens vorgestellt. Jeremia wird von Gott als sehr junger Mann berufen, die Herrschenden im Königreich Juda zu kritisieren. Er selbst fühlte sich der Aufgabe nicht gewachsen. Doch Gott unterstützte ihn und hielt an ihm fest. Sein Leben war nicht einfach, denn mit seiner Kritik an sozialer Ungerechtigkeit, falscher Sicherheit und der Ausrichtung des Glaubens weg vom Gott des Lebens ist er bei vielen angeeckt. Dafür nahm er in Kauf, dass er verspottet und als Verräter angesehen wurde. Von den Verantwortlichen wurde er abgelehnt. Man sperrte ihn ein, schlug ihn und warf ihn sogar in eine Zisterne.

Mit der babylonischen Gefangenschaft bewahrheiteten sich seine Warnungen. Nach der Zerstörung Jerusalems wurde er gegen seinen Willen nach Ägypten gebracht, wo sich sein Lebensweg verliert.

Aus heutiger Sicht erscheinen die Propheten der Bibel großartig und unerreichbar. Sie wagten sich, öffentlich die Verantwortlichen zu kritisieren und erlagen keiner Überheblichkeit und egoistischer Selbstbezogenheit. Im Vergleich zur heutigen Zeit sind sie ein völlig anderer Typ von Kritikern und Beratern. Nicht der Prophet mit seiner Haltung steht im Mittelpunkt, sondern die Hinweise, die sich an dem Weg zum Gottes Lebens ausrichten. Was half ihnen, nicht sich selbst als Retter zu verstehen?

Ein Hinweis finden wir gleich am Anfang der Berufungsgeschichte. Jeremia sieht sich nicht als geeignet an, für Gott zu reden. Wenn wir in andere Berufungsgeschichten schauen, dann finden wir hier ein typisches Muster. Mose will nicht nach Ägypten gehen, da er nicht mit dem Pharao verhandeln kann. Abraham empfindet sich zu alt, Jesaja sieht sich als unwürdig an. Sie sagen nicht sofort zu. Sie hinterfragen sich selbst und müssen eher überzeugt werden im Gespräch mit dem Göttlichen. Ihre Haltung ist getragen von Demut, die weiß, dass der bevorstehende Weg nicht immer eben und ungefährlich ist und das Unerwartetes kommen kann. Demut, die damit rechnet, dass das Leben größer ist als der Verstand es denken kann, hilft in der Beziehung zum Göttlichen zu bleiben und die Richtung nicht zu verlieren, auch wenn es wie bei Jeremia schwierig wird.

Liebe Gemeinde, wenn uns das Evangelium in seinen Bildern ein eher unbeschwertes Bild malt, holt uns die Geschichte von Jeremia in die Wirklichkeit der Welt zurück. Sich auf die Gegenwart des Göttlichen einzulassen ist wie das Finden eines großen Schatzes, aber es ist auch der Ruf in die Wirklichkeit der Welt mit allen Gefahren und mit allem Widerstand. Man könnte es auch als ein Wagnis ansehen, das der glaubende Mensch eingeht. Denn den Weg der Liebe zu folgen, wie Jesus ihn gelehrt hat, macht den Unterschied zu unserer Gesellschaft deutlich. Die Verschiedenheit der Menschen steht nicht im Vordergrund, egal woher ein Mensch kommt, wie er lebt und welche Ansichten er hat. Es gilt ihn als Wesen von Gott her anzunehmen. Nicht leicht, denn wir beginnen gern mit der Kritik und dem Aufzählen des Schwierigen. Erst dann versuchen wir uns mit dem Annehmen. Vom Glauben her ist es anders gemeint: erst annehmen in Liebe und dann ins kritische Gespräch kommen.

In der Schöpfungsgeschichte mit den 7 Tagen heißt es: Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn. Und er schuf ihn als Mann und Frau. Der Mensch an sich ist gemeint bei der Ebenbildlichkeit und nicht der einzelne mit seinen Unterschieden zum anderen.

Liebe Gemeinde, die Texte des heutigen Sonntags führen uns in eine Widersprüchlichkeit: Es kommt auf den Einzelnen und seinem Einsatz an und doch bleiben immer alle Menschen im Blick. Wenn sie in die heutige Zeit mit ihren Themen schauen, dann wird es sehr deutlich. Jeder einzelne Mensch muss seinen Beitrag für Frieden in der Welt, für den Erhalt des Lebensraums, für Gerechtigkeit in der Gesellschaft leisten. Doch es ist klar, dass der einzelne Mensch die Aufgabe nicht lösen kann. Es ist etwas, was wir nur gemeinsam erreichen können.

So sind wir eingeladen, diesen Weg zwischen Sicherheit und Wagnis, zwischen Mut und Demut, zwischen Vertrauen und Zweifel für uns selbst und in der Gemeinschaft mit anderen zu finden. Folgen wir dem Beispiel Jesu, folgen wir den Jüngern und den anderen, die im Glauben uns vorausgegangen. Lernen wir von ihren Erfahrungen und gehen wir in unserer Zeit den nächsten Schritt, den es nötig braucht im Vertrauen auf Gottes Gegenwart.

Und der Friede der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinnen in Christus Jesus, unseren Herrn. Amen.