Artikel,  Ohne Kategorie

Ausstellung – Farbe der Erinnerung

Mahnmal: „Die Tragende“ in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück Foto: HS
78. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Ravensbrück – Sonntag, 23.04.2023 Foto: Eberhard J. Schorr

Impuls zu den Bildern der Ausstellung

Emmie Arbel ist eine niederländisch-israelische Holocaust-Überlebende, geboren 1937 in Den Haag. Als Kind wurde sie 1942 mit ihren Eltern und den beiden Brüdern als Jüdin von den Nationalsozialisten gefangengenommen und im Lager Westerbork eingesperrt. Sie kam als kleines Kind nach Ravensbrück und wurde 1945 in Bergen-Belsen befreit. Ihre Eltern und Großeltern wurden im Holocaust ermordet. Sie selbst, aber auch ihre Brüder, überlebte die Lager.

Die erste Zeit nach dem Krieg verbrachte Emmie Arbel in einem Waisenhaus in Schweden. Dort konnte sie sich von Schwäche und Krankheit erholen. Später lebte sie in den Niederlanden bei einer jüdischen Pflegefamilie, wo sie jedoch erneut traumatische Erfahrungen machte. 1949 wanderte sie mit der Pflegefamilie nach Israel aus. Gelöst von den Pflegeeltern konnte sie sich dort später ein eigenes Leben aufbauen, gründete eine Familie und arbeitete in einer Krankenhausverwaltung.  

Lange Zeit sprach sie nicht über ihre Vergangenheit. Doch immer wieder tauchten im Alltagsgeschehen von Emmie Arbel Splitter der Erinnerung auf – Szenen von der Ankunft in Ravensbrück, vom Appell, der Krankenbaracke, vom Tod ihrer Mutter in Bergen-Belsen und der Rückkehr in ein Leben in die Welt außerhalb der Lager.

Erst später begann sie sich intensiv mit ihren Erinnerungen auseinanderzusetzen.

Foto: HS

Ihre Lebensgeschichte wurde unter anderem in der Graphic Novel „Emmie Arbel. Die Farbe der Erinnerung“ von Barbara Yelin künstlerisch verarbeitet.

Entstehung der Bilder

Schüler*innen der 8. und 9. Klassen des Arndt-Gymnasiums Dahlem haben sich im Evangelischen Religionsunterricht in Vorbereitung auf das Interreligiöse Gedenken zum Tag der Befreiung des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrück mit dem Thema „Erinnern“ auseinandergesetzt. In ihren Bildern zeigen sie, wie erlebte Erfahrungen in die Gegenwart hineinreichen, gegenwärtig sind und das Leben immer wieder beeinflussen. Einige Bilder spiegeln von Beginn an ein klares Konzept wieder, andere lassen erst beim Betrachten die veränderte Perspektive erkennen.

Am 3. Mai 2026 begleiteten einige Schüler*innen mit ihren Bildern das Interreligiöse Gedenken auf dem ehemaligen Lagergelände in Ravensbrück. Juden, Christen und Muslime erinnerten in Worten, mit Musik und den Bildern an die Frauen, die an diesem Ort Unverstellbares erleiden mussten.

Eröffnung der Ausstellung in Ravensbrück mit Emmie Arbel am 17.Juni 2026

Die Gedenkstättenleitung würdigte die Schülerarbeiten und bot uns eine Sonderausstellung vom 11. uni bis 6. September 2026 an, deren feierliche Eröffnung am Mittwoch, den 17. Juni 2026, stattfand. Mit Schüler*innen aus den Klassen 8a, 8g und 8w fuhren wir nach Ravensbrück. Nach einem Rundgang über das Lagergelände begann um 14 Uhr die Veranstaltung. Der stellvertretende Gedenkstättenleiter eröffnete die Sonderausstellung mit einer Rede und Herr Schmidtke erzählte einiges zur Idee und Entstehung der Bilder. Anschließend waren die Künstler*innen selbst gefragt und erklärten in einem Galeriegang den Besuchern ihre Intentionen. Besonders freute uns, dass die 89-jährige Zeitzeugin Emmie Arbel ebenfalls anwesend war. Anschließend gabe es noch viele Gespräche mit ihr.

Ausstellungseröffnung mit Emmie Arbel am 17.Juni 2026 in Ravensbrück
Foto. HS

Rundgang

Aiusstellung im Foyer des ehemaligen Garagenbaus in der Gedenkstätte Ravensbrück vom 17. Juni bis 6. September 2026
„Anker – Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen“ von Stella, Klasse 8w

Emmie Arbel trifft nach Ende des Krieges und der Befreiung der Konzentrationslager ihre beiden Brüder wieder. Die Gemeinschaft ist wie ein Anker und doch ist die ganze mitunter schreckliche Geschichte gegenwärtig. Sie gelten als Waisen – ihre Eltern sind in den Lagern gestorben.
Foto: HS
„Genommene Würde“ von C. Bernhardt und H. Schmidtke
Bei der Ankunft im Konzentrationslager Ravens-brück wurden allen Gefangenen die Haare geschoren. Für viele bedeutete das der Verlust der menschlichen Würde. Dieses zutiefst negative Erlebnis begleitet Emmie Arbel in vielen späteren Situationen, zum Beispiel schreibt sie in ihrer Biografie, dass sie nach wie vor sehr kurze Haare schwer ertragen kann.
Foto: HS
„Verwobenheit – Schatten der Vergangenheit“ von Theda und Johanna, Klasse 8w
Die Erinnerung hüllt das kleine Mädchen von 3 Jahren ein und macht sie zu einer erwachsenen Frau. Als Vorlage dient ein Portrait von Emmie Arbel, welches kurz vor ihrer Verhaftung und Deportation bei einem Fotografen aufgenommen wurde. Begleiter ist ihr Stoffpinguin.
Foto: HS
„Flucht“ von Ida und Theresa, Klasse 8a
Diese Situation beschreibt Emmie Arbel als ihre erste Rebellion. Entkleidet läuft sie als Kind bei der Ankunft im Konzentrationslager weg. Sie wird von den Wärterinnen eingefangen und mit Schlägen bestraft. Viele weitere Mal erlebt sie diese Rebellion in ihrem späteren Leben.
Foto: HS
„Verloren in Krankheit“ von E., Klasse 9g
Emmie Arbel wurde im Konzentrationslager einmal schwer krank. Sie kam auf die Krankenstation und ihr Leben war fast zu Ende.
Foto: HS
„Entmenschlichendes Gebrüll“ von Caspar und Sukrit, Klasse 8a
Dieses Bild zeigt einerseits die Situation, in der sich Emmie Arbel bei der Ankunft in Ravensbrück unter dem Gebrüll der Wärterinnen entkleiden musste. Es steht aber auch allgemein für die entmenschlichende Behand-lung von Juden in der NS-Zeit durch Bloßstellung, Verbote und antisemitische Gesetze. Dem gegenüber symbolisieren die Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte die Hoffnung, dass alle Menschen in ihrer Würde anerkannt werden
„Harter Weg“ von Alegra und Clara, Klasse 8g
Das Bild zeigt einen starken Kontrast zwischen der grausamen Zeit früher und der Gegenwart. Bei jedem Schritt heute ist die Vergangenheit dennoch präsent. Ausgangspunkt für das Bild ist der Verlust der Schuhe auf dem Weg in das Konzentrationslager Ravensbrück. Die Mutter hat daraufhin Emmie Arbels Füße notdürftig mit Lumpen umwickelt.
Foto: HS
„Verlorene Kindheit – Ein Kind allein durch Gewalt unterdrückt“ von Felix, Klasse 9g
Foto: HS
„Nur eine Zahl – Sie waren keine Menschen, sondern Objekte“ von L., Klasse 9g
Foto: HS
„Schläge“ von Adam, Clemens und Julius, Klasse 8g
In diesem Bild wird Emmie Arbel auf dem Boden liegend dargestellt, die von den Wärterinnen Schläge bekommt. Die Situation ereignete sich, nachdem sie ihren Bruder unerlaubt im Krankentrakt des Konzentrationslagers besuchen wollte. Das Bild wurde mit roter Farbe übermalt und symbolisiert die Wut und den Schmerz, den viele Menschen in der NS-Zeit unrechtmäßig durch Gewalt und Unterdrückung erleiden mussten.
Foto: HS

„Risse der Hoffnung – Helle Zeiten und dunkle Erinnerungen“ von Benjamin und Leopold, Klasse 9a
Auch noch heute tauchen immer wieder dunkle Erinnerungen auf – wie hier dargestellt oft in Bruchstücken oder Fetzen.
„Portrait der Zeit“ von Gesine und Isabella, Klasse 8g
Das Portrait links oben zeigt Emmie Arbel in ihren jungen Jahren. Das Gesicht wurde bewusst nicht gemalt, da die Gefangenen im Konzentrationslager nicht als Individuen angesehen wurden. Die eher dunklen Farben stehen für Angst und Trauer. Doch trotz dieser Dunkelheit gibt es noch Funken der Hoffnung – verdeutlicht durch die weißen Spritzer. Im unteren Portrait sieht man Emmie Arbel heute. Die bunten Farben stehen für Freude, Lebenslust und Freiheit.
Foto: HS
„Stilles Leiden – Katze ohne Gesprächspartner in sieben Leben“ von Lilli, Klasse 9a
„Augen – Der innere Kampf mit der Hand“ von Marlene, Klasse 9a
Im Inneren spielt sich der Kampf mit der Hand ab, die jeden Augenblick zugreift und zurück in die Vergangenheit ziehen will. Foto: HS
„Leere – Menschen fühlen sich einsam“ von Lavinia,
Klasse 9 g Foto: HS

„Identität auf Papier“ von Philip, Klasse 8a
Das Bild steht für die Entwurzelung vieler Holocaust-Überlebender nach der NS-Herrschaft. Als displaced person musste Emmie Arbel in der ersten Zeit nach dem Kriegsende zusammen mit ihrem Bruder in einem Waisenhaus in Schweden leben. Einerseits kann ein Neuanfang beginnen, andererseits ist nichts mehr wie vorher.
Foto: HS
„Verlust“ von Liv, Hannah und Seojin, Klasse 8a
Kurz vor Kriegsende stirbt Emmie Arbels Mutter im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Das Bild drückt einerseits den individuellen Verlust eines geliebten Menschen aus, steht aber auch allgemein für den Verlust vieler Familienmitglieder während des Holocaust und Zweiten Weltkriegs.
Foto: HS
„Appell“ von Viatrix, Klasse 8g
Dieses Bild steht einerseits für die Erfahrung, die Emmie Arbel während des Appells macht. Die Mutter bricht zusammen und liegt am Boden, zu Hilfe kommen darf Emmie ihr nicht. Das junge Mädchen ist nicht in der typischen Häftlingskleidung dargestellt, so dass dieses Bild im übertragenen Sinn auch für die vielen Momente steht, in denen Menschen hilflos sind oder sich hilflos fühlen.
Foto: HS
„Kalte Strafe“ von Ida und Ilaria, Klasse 8g
Das Bild stellt die Situation dar, in der Emmie Arbel von den niederländischen Pflegeeltern zur Strafe in eine Badewanne mit kaltem Wasser gesetzt wurde, da sie abends nicht ins Bett gehen wollte. Die Farbe Pink soll als fröhliche Farbe die gute Zeit symbolisieren, die nach dem Krieg für sie kommen sollte. Im Hintergrund schimmert schwarze Farbe durch, da sie auch in der Pflegefamilie viel Leid erfahren musste – so hat sie der Pflegevater fast ein Jahr lang immer wieder missbraucht.
Foto: HS
„Unaufhaltsam“ von Fiona und Sarah, Klasse 8w
Nach der Befreiung kam Emmie Arbel in ein Kinderheim in Schweden. Dort erlebte sie die Gewalt der Fürsorge. Voller Verzweiflung zündete sie einen Vorhang an.
Foto: HS
Mensch, wo bist du?
von H. Schmidtke
Die Erfahrungen der Vergangenheit können einen Menschen ganz verschwinden lassen – sein Wesen,
seine Art,
sein Menschlichsein.
Foto: HS

Und heute?

Immer wieder wird die Forderung laut, dass das Erinnern doch nun endlich vorbei sein sollte. Ist es nach 81 Jahren wirklich genug?  Trauer und Schmerz aus dieser Zeit bleiben – sie bestimmen das Leben der Überlebenden und das Leben ihrer Kinder. Die Bilder zeigen, das Vergangene ist ein ständiger Begleiter, auch wenn wir es vielleicht nicht zulassen wollen. Darum gilt es, sich dieser Vergangenheit zu stellen, der Erinnerung Farbe zu geben, um mit Hoffnung in die Zukunft zu gehen.

Konzeptionelle Entwicklung, Begleitung der Schüler*innen, Mitwirkung beim Interreligiösen Gedenken

Verantwortung für die Ausstellung:

Holger Schmidtke und Carolin Bernhardt

(Religionslehrer*innen am Arndt-Gymnasium Dahlem)