Ein lebendiges Zeichen
Predigt vom 16. Sonntag nach Tinitatis über 2.Tim 1, 7-10 und Joh. 11 (Auferweckung des Lazarus) gehalten in der Pauluskirche Berlin-Zehlendorf
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen
Liebe Gemeinde,
die Verse aus dem Timotheusbrief sind eine wunderbare, mutmachende Zusage. Gott hat uns den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben. In einer Zeit, in der wir von einer Unsicherheit und Katastrophe nach der anderen berührt werden, ist es gut eine solche Zusage zu hören. Die Zusage des Geists der Kraft verweist uns in den Bereich der Schöpfung. In der Erzählung von der Erschaffung der Welt wird von einer Kraft gesprochen, die schöpferisch die Entstehung der Formen des Lebens beschreibt. Pflanzen und Tiere in ihrer Vielgestaltigkeit werden hervorgebracht. Die schöpferische Kraft schafft Leben und sorgt dafür, dass dieses Leben weiterbesteht durch ein sich selbst erhaltendes Prinzip des Werdens und Vergehens. Wenn der Timotheusbrief vom Geist der Kraft spricht hat er diese Schöpfungsmacht im Hintergrund, mit der er den Menschen in Verbindung und im Einklang sieht. Eine Kraft, die besteht und bestehen bleibt unabhängig von den Ereignissen in der Welt.
Die Kraft der Liebe verweist uns sehr deutlich auf das Leben von Jesus von Nazareth. Er hat in seiner Zeit die Grenzen der Begegnung überschritten, hat mit Frauen, Kindern Kranken und Ausgestoßenen einen Kontakt auf Augenhöhe gepflegt. Die Hierarchien der römischen Gesellschaft waren klar. Auch die jüdische Gesellschaft hatte jedem seinen Platz zugewiesen. Aus der Liebe Gottes heraus, die jedem einzelnen das Menschsein zuspricht, handelt Jesus anders. Der Geist der Liebe nimmt uns hinein in diese Gemeinschaft, die den Menschen sieht und begegnet. Sie nimmt uns hinein in die Begegnung, die jeden einzelnen aufblühen lässt in seinen Möglichkeiten, einfach aus der Liebe Gottes. Welch großartige Zusage.
Und der Geist der Besonnenheit ist die Gegenwart Gottes im Augenblick, die uns aus der Verzweiflung, der Wut und dem Reagieren-Müssen herausholt, uns Besonnenheit schenkt und aus dem Kreislauf von Erleben und Reagieren herausstellt. Besonnensein in einer Zeit, die voller Aufregung ins. Welch ein wunderbares Geschenk ist dies.
Der Timotheusbrief stellt diese Zusagen in den Zusammenhang mit der Überwindung des Todes durch Jesus Christus und damit in den Zusammenhang mit Ostern. So hörten wir im Evangelium die Wundererzählung aus dem Johannesevangelium von der Auferweckung des Lazarus.
Liebe Gemeinde, bisher habe ich einen Bogen um solche Wundergeschichten gemacht. Vielleicht habe ich eher mit Goethe gespottet: Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind. Was soll man bei einem Wunder tun, als daran glauben oder eben nicht. Und so bekennt Marta auch: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist. Sie versteht und glaubt, dass ihr Bruder am Jüngsten Tag auferstehen wird. Damit formuliert sie, was viel in der damaligen jüdischen Gesellschaft glaubten.
Doch der Erzähler dieser Geschichte versucht, mehrere Aspekte gleichzeitig zu sagen und die Bedeutung von Jesus für die Glaubenden hervorzuheben. So sagt Jesus: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Der Glaube an ihn wird zum Leben führen, zu einem anderen Leben, das nicht vom irdischen Tod beendet wird. Lazarus liegt im Grab. Er ist tot. Und in einer Zeichenhandlung geschieht das, was Jesus mit seiner Person in Verbindung bringt; ein Leben in Gottes Gegenwart. Wenn wir auf das ganze Evangelium schauen, dann ist hier im 11.Kapitel ein Wendepunkt des Erzählers. Nach der Auferweckung des Lazarus beschließen die religiösen Führer, Jesus zu töten. Einer der solche Lehren verbreitet, kann für alle gefährlich werden. Will Jesus auch hier in Jerusalem eine Veränderung? Will er einen Aufstand? Und so lesen wir vom Willen, ihn loszuwerden. Lieber einer stirbt, bevor es ein Pogrom gegen die Bevölkerung gibt. Und so hat die Erzählung von der Erweckung des Lazarus eine dramaturgische Funktion für den Erzähler.
Aber wenden wir uns dem Text genauer zu. Hören wir die anschließenden Verse nach der Evangeliumslesung: V 28-38
Die Schwestern Maria und Marta sind in tiefer Trauer. Ihr Bruder ist tot und so kommen neben Verbundenheit und Nähe auch Vorwürfe zu tage. Tränen fließen und es ist traurig um Jesus. Und er selbst beginnt zu weinen, um den Menschen, den er sehr liebte, wie es im Text heißt. Unerwartet wird von den Tränen gesprochen, berührend und nah.
Und nun kommt die Erzählung zu ihrem dramatischen Höhepunkt. So heißt es weiter: V39-45
Liebe Gemeinde, Jesus ruft „Lazarus, komm heraus!“ Und der Verstorbene kommt heraus. Es klingt alles sehr lebendig und vor meinem inneren Auge kann ich die Szene deutlich erkennen. Ich kann die verblüfften Menschen sehen, die drum herumstanden. Aufregung, Erschütterung, Unverständnis. Was soll das bedeuten?
Ja, diese Frage stellen sich die Menschen bis heute. Ist es wirklich so geschehen? In der Schule würde kein Schüler mir zustimmen, wenn ich diese Erzählung als eine wirklichen Auferweckungsgeschichte verstehen würde. Andererseits ist es etwas mühselig, die symbolische Bedeutung herauszuarbeiten. Jedoch denke ich kann es uns helfen, das Wunder als Zeichen zu verstehen.
Lazarus mit seinem Leben und seinem Tod gehört in unsere Welt in seine Zeit. Seine Zeit war bestimmt von der Besatzung der Römer in Israel. Grausames Handeln der Besatzer an der Bevölkerung gehörte zum Alltag. Tod gehörte zum Alltag. Wenn Menschen sich wehrten, dann wurde nicht selten das ganze Dorf, in dem sie lebten, zerstört. Frauen wurden vergewaltigt. Menschen wurden wahnsinnig durch die Gewalt ihrer Zeit. Auch die Glaubensregeln waren für viele nicht lebensförderlich. Wer mit dem Tod in Berührung kam, galt als unrein und konnte am Gottesdienst im Tempel nicht teilnehmen. Viele war so ausgeschlossen. Viele hatten keine Hoffnung. Viele lebten wie in einem Grab – verschlossen, ausgeschlossen, tot. Und die Situation wurde mit den Jahren immer schlimmer.
„Lazarus, komm heraus!“ Es ist ein Ruf in das Leben – ein Ruf, der eine Zukunft hat – ein Ruf, der aus Liebe gesagt ist. Die Schöpfungskraft kann wirken. Die Binden des Todes werden abgenommen und Lazarus kann wieder gehen.
Liebe Gemeinde, ich merke, dass dieses Erzählen etwas in mir bewirkt. Vom Verstand her kommen immer noch alle möglichen Fragen, Widersprüche und Zweifel. Aber in meinem Herzen spüre ich etwas anderes. Es ist wie ein sanftes Schwingen, das sich aufdrängt. Wie wunderbar ist es, gegen den Wahnsinn der Welt mit einer anderen Ebene verbunden zu sein. Wie wunderbar ist es, einen anderen Weg zu kennen als Gewalt und Tod, Missachtung und Hass. Wie wunderbar ist es, einen Ruf gehört zu haben, der von weit herkommt und doch ganz nah ist.
Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Möge Gott uns auf unserem Weg geleiten, damit wir zu einem lebendigen Zeichen seiner Gegenwart in unserer Zeit werden.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinnen in Christus Jesus, unseren Herrn. Amen.