Reminiszere – Gehen ohne Panik
Predigt gehalten am 16.3.2025 in der Alten Dorfkirche in Zehlendorf
Lesungen: 1.Mo.18,20-23 und Joh.3,14-21
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.
Liebe Gemeinde,
mit dem heutigen Sonntag Reminiszere – Gedenke Gott an deine Barmherzigkeit – befinden wir uns in der Passionszeit. Als Christen und Christinnen gehen wir den Weg mit Jesus hin nach Golgatha und darüber hinaus bis zum leeren Grab, das wir Ostern feiern. Etliche Menschen nutzen diese Wochen, um sich in besonderer Weise auszurichten. Was bedeutet es, mit Jesus bis zum Kreuz zu gehen? Was bedeutet es für mich heute, mit ihm diese Erfahrungen am Rande des Lebens zu teilen und dann neu zu beginnen? Wohin kann mich diese Verbundenheit führen? Welche Möglichkeiten eröffnen sich, die ich vorher noch nicht gesehen und verstanden habe?
Die diesjährige Fastenaktion 7-Wochen-Ohne steht unter dem Motto: „Luft holen! Sieben Wochen ohne Panik“. Diese Überschrift hat mich gleich angesprochen. Es herrscht in der Welt sehr viel Durcheinander. Jeden Tag ändern sich die Meldungen. Das, was gestern noch galt, ist heute möglicherweise bedeutungslos. Es geht immer hin und her. Ein Chaos an Ideen, ein Chaos an Handlungen, ein Chaos an Gefühlen. Ich kann Menschen sehr gut verstehen, wenn sie in dieser Unsicherheit Angst bekommen, und in Panik geraten im Blick auf die Zukunft. Luft holen! Und sieben Wochen ohne Panik anzugehen, ist möglicherweise gar nicht so einfach. So sind wir eingeladen, erst einmal tief Durchzuatmen. Bei der Schnelligkeit kann man vergessen bewusst zu atmen. Wenn die Luft weniger wird, dann ist das Gehirn nicht mehr gut versorgt mit Sauerstoff und Denken ist dann nicht mehr so einfach. Also atmen wir erst einmal tief ein und wieder aus. Entspannen wir unser Nervensystem und gehen somit den ersten Schritt, um uns aus dem Chaos unserer Gedanken und Gefühle zu lösen. Mit jedem bewussten tiefen Atemzug wird der Abstand etwas größer, wir werden ruhiger, unsere Gedanken klarer und die Gefühle beruhigen sich. Unser Atem ist ein wunderbares Geschenk, das die Lebendigkeit in uns verteilt und dem die Bibel göttlichen Ursprung gibt. Luft holen! Ein- und Ausatmen sind der Beginn einer Entdeckungsreise frei von Panik, frei von Angst, frei von den Zwängen, die sie mit sich bringen. Probieren sie es aus! Entdecken sie ihren Atem! Statt sich über die Verspätung der S-Bahn zu ärgern, können wir uns entscheiden, unseren Atem zu entdecken. Das ist eine Übung, die wir in jedem Augenblick machen können. Eine Übung, die uns immer wieder an die Entdeckungsreise der Freiheit hin zu Ostern erinnern.
Liebe Gemeinde, mit den heutigen Lesungen haben wir einige Hinweise bekommen, die uns auf dieser Entdeckungsreise behilflich sein können. Wenn es ein Durcheinander gibt, ist es gut sich an die einfachen Dinge des Lebens und des Zusammenlebens zu besinne. So hörten wir Worte aus der Geschichte von Abraham und seiner Begegnung mit den drei Männern – Boten von Gott. Er hatte sein Zelt in Mamre aufgestellt. Im verheißenen Land waren sie angekommen, aber einen Sohn hatte Sarah noch nicht geboren. Diese drei Männer besuchen Abraham, um ihm genau diese Veränderung mitzuteilen. Heute möchte ich mit ihnen hinschauen, wie Abraham sich verhält. Er lädt die fremden Männer zu sich ein. Er bewirtet sie, gibt ihnen Wasser, etwas zu essen und dann verabschiedet er sie an der Grenze seines Gebiets. Er zeigt uns, wie wir Menschen miteinander umgehen sollten, welche Möglichkeiten es für einen freundlichen Umgang mit Gästen gibt. Diese Möglichkeiten sollten wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, wenn wir über Menschen reden, die aus unterschiedlichen Gründen in unser Land kommen. Wie können wir sie freundlich aufnehmen? Was gehört alles zu einer solchen Freundlichkeit? Vielleicht können wir lernen Freundlichkeit gegen Angst einzutauschen.
Abraham macht uns deutlich, dass es noch einen weiteren Grund für diese Freundlichkeit gibt. Es zeigt sich bei der Verabschiedung, dass die Männer selbst Gott sind oder Gott repräsentieren. Jeder fremde Mensch ist ein Repräsentant des Göttlichen, ist mehr als der Mensch, den wir sehen.
Und so verhandelt Abraham mit ihm / mit ihnen. Abraham möchte, dass Gott auch freundlich gegenüber Sodom sein. Dort leben auch Menschen und Abrahams Neffe Lot. Und so verspricht Gott, die Stadt zu schonen, wenn 10 Gerechte in dort sind. Dieser Fakt hat mich nachdenklich gemacht, denn er zeigt, dass Freundlichkeit eine Grenze hat. Wir kennen den Ausgang der Geschichte. Sodom und Gomorrah wurden zerstört. Für Gott war die Grenze bei 10 Gerechten – sie beschreiben einen Minjan. Das ist die Anzahl von Männern, die für ein Gebet in der Synagoge nötig sind.
Doch wo sollte eine solche Grenze für uns heute liegen? Und wer sollte diese festlegen? Und müssen wir bei einer solchen Grenze auch unsere Freundlichkeit aufgeben? Ich merke, dass das Nachdenken über einen konkreten Zusammenhang die Gedanken an Fakten bindet und sie sich nicht in uferlosen Fantasien verlieren. Auch wenn ich mir überlege, was ich selbst machen kann, ist der Raum für Angst und Panik sehr klein geworden. Und damit haben wir den zweiten Ankerpunkte für unsere Entdeckungsreise in der Passionszeit: Die Auseinandersetzung mit konkreten Fakten hilf, unsere Fantasie zu zügeln und Angst und Panik den Raum zu nehmen.
Liebe Gemeinde, auf einen dritten Aspekt möchte sich sie noch hinweisen, der mir im Johannesevangelium aufgefallen ist. Sicher hat der Text sehr viele Aspekte, die wir bedenken könnten und was ich in früheren Predigten auch schon getan habe. Heute möchte ich sie auf den Vers 21 verweisen. Da heißt es: „Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.“ Wahrheit sind in diesem Vers nicht Worte, sondern es sind Taten, die ans Licht kommen. Wir hören zur Zeit sehr viele Worte und kaum jemand weiß, wie diese zu verstehen und einzuordnen sind. Sind sie wahr oder nicht? Der Hinweis bei Johannes finde ich sehr hilfreich, denn Worte sind von den nachfolgenden Taten her zu beurteilen. Die Taten bringen ans Licht, was die Worte bedeuteten. Das Licht, von dem der Schreiber des Johannesevangeliums spricht, wird mit Gott in Verbindung gebracht und somit bin ich sofort an das Licht im Schöpfungsbericht erinnert. Die Wahrheit in Gott hat damit zu tun, ob die Taten der Schöpfung, dem Leben und Zusammenwirken der Welt dienen. Natürlich hat jeder so seine eigene Wahrheit, die er erläutert und von der er die Menschen um sich herum versucht zu überzeugen. Doch die Wahrheit bei Gott bewährt sich im Zusammenhang der gesamten Schöpfung. Und damit haben wir einen weiteren Ankerpunkt für die Entdeckungsreise frei von Angst und Panik. Wahrheit zeigt sich immer in den Taten, die den Worten folgen. Und sie müssen daran gemessen werden, ob sie der Schöpfung dienlich sind oder nicht.
Liebe Gemeinde, einen Weg frei von Panik zu gehen, ist in der heutigen Zeit sicher eine Herausforderung. Wir sind jedoch eingeladen, im Chaos der Welt eine Orientierung aus dem Glauben zu finden, die uns Boden unter den Füssen gibt. Verzichten wir auf die Augenblicke, die uns kopflos machen und nehmen wir die Ankerpunkte, die wir gefunden haben, um durch diese Passionszeit zu gehen. Erinnern wir uns an unseren Atem, an den Faktencheck und die an die Wahrheit, die sich in Taten für die Schöpfung zeigt. Gott stärke unseren Geist, unser Vertrauen und unser Liebe zum Leben. Und er gebe uns Mut, damit wir heute beginnen können.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alles Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinnen in Christus Jesus, unseren Herrn. Amen.